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"Wenn ich am Tisch steh, will ich gewinnen"

Foto von Europameisterin Birgit Reimann
"Hauptsache, schlau spielen" ist das Motto von Europameisterin Birgit Reimann. Foto: Astrid Labbert

Polizistin mit Billard-Leidenschaft: Birgit Reimann ist Europameisterin im Poolbillard. Auch bei der Deutschen Meisterschaft will die 44-jährige Bremerin jetzt punkten.

Wie oft sie nationale und internationale Titel gewonnen hat? Birgit Reimann überlegt kurz, zuckt dann mit den Schultern. Das wisse sie nach 24 Jahren im Billard nicht mehr so genau. Die hoch gewachsene Frau mit den roten Strähnen im dunklen Haar sitzt an einem Tisch in einer Billard-Spielhalle, in der ihr Verein "Bremen 1860 e.V." Tische fürs Mannschafts- und Einzelspiel angemietet hat.

An den ersten Titel kann sich die 44-Jährige aber gut erinnern: "Den vergisst man nicht. 1989 bin ich deutsche Meisterin geworden im 14/1 und Vizemeisterin im 8-Ball." Bis heute sind es ihre Lieblingswettbewerbe im Poolbillard. 8-Ball ist die Variante, die jeder Amateurspieler aus der Kneipe kennt. Beim 14/1 geht es darum, nach gewissen Regeln alle Kugeln zu lochen und dabei eine bestimmte Punktzahl zu erreichen.

Vor 20 Jahren erstmals Deutsche Meisterin

Seit dem ersten Titelgewinn hat Birgit Reimann Deutsche, Europäische Meisterschaften und eine WM bestritten, dann einige Jahre wegen ihrer Tochter pausiert. Inzwischen ist die Bremerin an die Spitze zurückgekehrt. Keine zwei Monate ist es her, dass die Kriminaloberkommissarin Europameisterin im 8- und 9-Ball und im Mannschaftswettbewerb wurde. Beste Voraussetzungen, um jetzt auch die Deutschen Meisterschaften im hessischen Bad Wildungen (24. Oktober bis 1. November) erfolgreich zu bestreiten. "Wenn ich am Tisch steh, will ich auch gewinnen", sagt Reimann. Ihren Sonderurlaub hat sie bereits während der EM aufgebraucht, für die DM nimmt sie reguläre Urlaubstage.

Die Bremerin tritt in der Seniorinnen-Klasse (ab 40) – genannt "Ladies" - in allen drei Spielarten (8-Ball, 9-Ball, 14/1) an und wird auch in diesem Jahr vor allem mit den Dauerkonkurrentinnen Sylvia Buschhüter (BSC Ingolstadt) und Klara Lensing (PBC Rot Gelb Aachen) rechnen müssen. Die deutsche Billard-Szene – in ca. 1.200 Vereinen organisiert – ist an der Spitze übersichtlich. Einige Spielerinnen dominieren seit Jahren den Sport, in dem Routine, Konzentration und Erfahrung keine unwesentliche Rolle spielen. Aber für Überraschungen ist auch das Billardspiel gut, schließlich hänge vieles von der Tagesform ab, sagt Reimann.
Bei den Deutschen Meisterschaften treten Frauen in einer eigenen Spielklasse an; insgesamt sind sie auch heute noch in der Minderheit, ihren Anteil schätzt Birgit Reimann auf zehn Prozent. Unerwünscht fühle sie sich aber nicht – im Gegenteil. "Die Männer wollen gar nicht unbedingt unter sich sein."

Verruchtes Image ist passé

Foto von Europameisterin Birgit Reimann
Will als Europameisterin auch bei der DM im Oktober gut abschneiden: Kriminaloberkommissarin Birgit Reimann. Foto: Astrid Labbert

Vom einst verruchten Image ist heute in vielen Spielstätten nichts zu spüren. "Die meisten Leute kennen Billard aus dem Fernsehkrimi. Die Bösewichte sind meistens da, wo Billard gespielt wird." Das habe mit der Realität nicht viel zu tun, so die Kriminaloberkommissarin. "Heutzutage gibt es anständige, große Billardcafés, meistens mit Rauchverbot."
Billard wird zunehmend in Vereinen gespielt, bundesweit sind es nach Angaben der Deutschen Billard-Union (DBU) ca. 50.000 Menschen. Die DBU ist Mitgliedsverband im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seit 1998 ist Billard ein olympischer Sport.
Als Reimann 1985 durch einen Schulfreund zum Billard kam, war das noch anders. Die ersten drei Jahre spielte sie ausschließlich in Spielotheken, oft als einzige Frau. So wie Fußballer ihre Anfangszeit im Straßenfußball als prägend bezeichnen, so beschreibt auch Birgit Reimann ihre "Spielothekenjahre" als lehrreich. "Da hat man sich erst einmal so richtig ins Billard reingearbeitet. Diese drei Jahre Spielothekenspiel haben für die Taktik unheimlich viel gebracht."

Während ihrer kaufmännischen Ausbildung ging sie sogar in der Mittagspause quer über die Straße in die nächste Spielothek, um eine Dreiviertelstunde zu spielen und das Spiel über Bande zu perfektionieren. "Zeig mir mal einen Vierbander, einen Fünfbander, das war damals wichtig", erzählt sie lachend. "Heute sind mehr direkte, lange Stöße wichtig, die dann sicher drin sind. Früher war das Ganze taktischer." Zeit, um an der Technik zu feilen, bleibt ihr heute nicht, Tochter und Job gehen vor. Die Punktspiele in der Bezirksoberliga mit dem Verein sind jetzt ihre einzigen Übungseinheiten vor der Deutschen Meisterschaft.

"Hauptsache, schlau spielen"

Bei Gegnern ist Birgit Reimann als taktische Spielerin bekannt. Bevor sie einen technisch schweren Ball spielt, der auch mal daneben gehen kann, spielt sie lieber strategisch. Im Idealfall lässt das dem Gegner keinen Raum. Ihre Devise: "Hauptsache, schlau spielen". Die Bremerin profitiert von ihrer Erfahrung und ihrem rationalen Spielverständnis, wenn es ums Ganze geht. "Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?", sagt die 44-Jährige nüchtern. "Am Ende fragt keiner, was du mit der 9 gemacht hast, als die 2 hier und die 5 dort lag. Am Ende fragen sie nur: Hast du gewonnen oder verloren?"

Mehr unter www.bremen1860.de

5.024 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

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