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Sag es wie Caesar

Jörg-Dieter Kogel (li.) und Kurt Hille (re.) proben im Studio des nordwestradio die Aufzeichnung der Lateinnachrichten.
Jörg-Dieter Kogel (li.) und Kurt Hille (re.) proben im Studio des nordwestradio die Aufzeichnung der Lateinnachrichten. Foto: Jörg Sarbach

Die Welt von heute in der Sprache der Antike: Als einziger Sender in Deutschland produziert Radio Bremen Nachrichten auf Latein. Selbst Radio Vatikan hat sich daran ein Beispiel genommen.

Ein Nachmittag im tiefen Winter. Auf dem kleinen Besuchertisch im Büro des Nordwest-Radio-Programmleiters Jörg-Dieter Kogel stehen Kaffee und Wasser, Reiswaffeln, Gewürzprinten, Schoko-Kekse. Nervennahrung für die Runde aus fünf Herren und einer Dame. Sie diskutieren ihre Arbeit am monatlichen Nachrichten-Rückblick auf Latein. Alle sind teils pensionierte, teils noch aktive Lateinlehrer aus Bremen und Bremerhaven. So spricht man höflich, doch bestimmt: Hier beraten Experten, promovierte Altphilologen darunter, der frühere Vorsitzende des Altphilologenverbandes von Bremen und der Fachleiter für die Referendar-Ausbildung im Bundesland Bremen.
Für die Januar-Ausgabe der "nuntii latini" hat Kogel unter anderem den Kopenhagener Umweltgipfel ausgesucht, die Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan, die Bleiberechtsentscheidung und die erste Gondoliera in Venedig. Der sonst häufig vertretene SV Werder Bremen ist nicht mit dabei, weil die rekordverdächtige Serie von 23 Spielen ohne Niederlage gerissen ist, sagt der Programmleiter. In den vergangenen Wochen haben sich die Lehrer ans Übersetzen gemacht. Jetzt beugt sich die Gruppe über Computerausdrucke der Meldungen, um ihnen den Feinschliff zu geben.

Anstandslos geht der Satz "Helvetii suffragio minareta fieri vetuerunt" von Heinrich Fliedner und Kurt Hille durch – knapper lässt sich das Minarettverbot in der Schweiz nicht formulieren. Doch wie ist zu übertragen, dass das Verbot in die Verfassung "aufgenommen wird"? Mit der Gegenwarts- oder der Zukunftsform? Nach einigen Debatten bleibt es bei Präsens, bei "adiungitur" statt "adiungetur".

Wie übersetzt man UFO-Meldestelle?

Nicht immer geht es um Nuancen. Wie übersetzt man bloß "UFO-Meldestelle"? "Officium rerum volantium inexplicatarum" ist Volker Lütjens zu lang. "Die 'fliegenden Dinge', also die 'res volantes', sind schon dubios genug", spricht er sich gegen den Zusatz "unerklärlich" aus. Am Ende der Diskussion ersetzt Jörg-Dieter Kogel die Wendung in der Computerdatei durch "orbes volantes", "fliegende Kreise" - respektive Untertassen.

Zehn Meldungen werden insgesamt produziert, eineinhalb Stunden dauert die Redaktionssitzung. Schon tags darauf soll sie aufgezeichnet werden, denn Interessierte finden im Internet nicht nur den Text, sondern auch eine Audiodatei. Diesmal trägt Hannelore Zöllner sie vor. Als Sprecher wechseln sich die Lehrerinnen und Lehrer ab.

Seit Oktober 2001 geben sie ihre Latein-Nachrichten heraus - zunächst aus kreativem Protest gegen schulpolitische Pläne in Bremen. Damals war im Gespräch, Latein-Leistungskurse generell abzuschaffen. "Da wollten wir etwas für die Sprache tun", sagt Kogel, Radiomann, Vater dreier Töchter, Lateinliebhaber und befreundet mit einem Lehrer der antiken Sprache.
Dieser, Franz Hartmann, ist noch heute mit dabei – wie alle anderen, die Kogel und Hartmann aus dem Kreis der knapp 50 Bremer Fachleute ansprachen. "Das macht uns einfach Spaß", erklären die Nachrichtenmacher, warum sie sich unentgeltlich so viel Arbeit machen. Und selbst die Auseinandersetzung darüber, ob die lateinische Endung "ae" nun wie "ä" oder wie "ai" auszusprechen sei, hat diesen Spaß noch nicht getrübt.

Die ausführlichen Nachrichten sind reines Ehrenamt – auch für Kogel: "Wir verbraten hier keine Rundfunkgebühren." Zumal die Runde die Nachrichten auch nicht über den Äther schickt, sondern sie für das Internet aufbereitet. Künftig aber erhalten die Lehrer eine kleine Aufwandsentschädigung – denn sie müssen sich noch mehr Arbeit machen.
Am 18. Januar nahm das dritte Programm des Senders Deutschlandradio den Betrieb auf. Bei "DRadioWissen" findet man die Nachrichten auf Latein so prima, dass man sie wöchentlich senden will. "Eine schöne Bestätigung unserer Arbeit", freut sich Kogel.

Für den Dienst plant er wöchentlich drei Kurzmeldungen, die von einem der Profis übersetzt und im Rundmail-Verfahren korrigiert werden. "Ob es einen festen Sendeplatz geben wird oder nicht und wie kurz die Meldungen letztlich werden, soll sich durch Ausprobieren erweisen", berichtet Kogel. Zu hören ist das Ergebnis dann als Livestream im Internet-Radio, via Kabel oder Satellit.

Mit Lob bedenkt Heinrich Fliedner unterdessen gerade ein "tenendum esse" in einer Meldung von Hannelore Zöllner über das Verfassungsgerichtsurteil zu den Sonntagsladenöffnungszeiten: "Das finde ich wunderschön", freut er sich über die typisch lateinische Konstruktion, die in etwa "sei beizubehalten" bedeutet.

York Grüninger hat sich der Ernennung der jungen CDU-Politikerin Kristina Köhler zur neuen Bundesfamilienministerin angenommen. Im kommenden Jahr wolle sie den Staatssekretär Ole Schröder heiraten, heißt es darin. Den Ausdruck "Lebensgefährte" kannten die Römer nicht. Grüninger hat sich darum für "sponsus" entschieden, auch den anderen fällt nichts Besseres ein. "Haben wir ihn halt zum Verlobten befördert", sagt er schmunzelnd.

Neuerdings auch Fernseh- und Kindernachrichten

Die Leidenschaft für Latein verbindet die ehrenamtlichen Latein-Redakteure bei Radio Bremen. Hier: Kurt Hille (li.) und Jörg-Dieter Kogel (re).
Die Leidenschaft für Latein verbindet die ehrenamtlichen Latein-Redakteure bei Radio Bremen. Hier: Kurt Hille (li.) und Jörg-Dieter Kogel (re). Foto: Jörg Sarbach

Vergnügen steht auch hinter den Diensten, die auf der Radio-Bremen-Homepage mittlerweile hinzugekommen sind: Tipps für Bücher zu Themen der Antike, Nachrichten von Kindern für Kinder, die Hannelore Zöllner mit Sechst- und Siebtklässlern erarbeitet, nachbearbeitete Fernseh-Regionalnachrichten, in denen über den deutschen Text von Interviews der Lateinische gelegt ist und die als Videos abrufbar sind.

"Damit haben wir inzwischen das breiteste Angebot an Latein-Nachrichten", sagt Kogel. Weltweit machen Radio Bremen aber überhaupt nur Radiophonia Finnica Generalis und der Heilige Stuhl Konkurrenz. Wobei die deutsche Redaktion von Radio Vatikan nur deshalb auch auf Latein sendet, weil dort das Bremer Beispiel gefiel, sagt Heinrich Fliedner.

Wem aber gefällt das in Radio Bremens Hörerschaft? Bei Start des Angebots erreichten die Gruppe im eigens eingerichteten Internet-Forum Glückwünsche und Zustimmung aus der ganzen Welt. Und googelte man Radio Bremen, tauchten die Latein-Nachrichten an zweiter Stelle auf, berichtet Kogel. Das Forum musste er allerdings irgendwann wieder abschalten. Das Problem waren gar nicht mal die Schüler, die sich von den Profis schwierige Hausaufgaben übersetzen lassen wollten. Es landete vielmehr so viel Spam im Forum, dass ernsthaft Fragende darin untergingen.

Laut Statistik des Deutschen Altphilologenverbandes steigt das Interesse an Lateinunterricht seit Anfang des Jahrtausends kontinuierlich. Die Schüler glaubten an Kompetenzgewinne, wenn sie die antike Sprache erlernten, vermutet der Berufsverband.

Die "nuntii latini" allerdings dürften doch zu schwierig für Durchschnittsschüler sein. Das bekommt die Lehrer-Redaktion zum Beispiel bei den Altphilologen-Kongressen zu hören, zu denen sie regelmäßig eingeladen wird, weil sich Kollegen Anregungen für den Unterricht erhoffen. Doch das stört die Lateiner als wahre Liebhaber ihres Faches nicht: "Wir wenden uns eher an Fans und Profis – und wer gar nicht klarkommt, findet auch eine deutsche Übersetzung", trösten sie.

Mehr unter www.radiobremen.de/nachrichten/latein und wissen.dradio.de/index.2.de.html

7.232 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Radio Bremen

Jörg-Dieter Kogel

E-Mail: kogel[at]radiobremen.de