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Im Ernstfall lebensbedrohlich

Insbesondere Lifestyle-Produkte geraten ins Visier der Fälscher. Im AMI-Nord kommt man ihnen auf die Schliche.
Insbesondere Lifestyle-Produkte geraten ins Visier der Fälscher. Im AMI-Nord kommt man ihnen auf die Schliche. Foto: Jörg Sarbach

Das AMI Nord in Bremen ist Deutschlands größtes Labor für amtliche Arzneimitteluntersuchungen. Die Wissenschaftler entlarven immer mehr Fälschungen.

Der soeben ausgeschiedene EU-Industriekommissar Günter Verheugen war ein Mann scharfer Worte. "Jede Fälschung von Medikamenten ist versuchter Massenmord", sagte er kürzlich. Denn selbst wenn Arzneimittel wider Erwarten keine Wirkstoffe enthalten und daher nicht wirken, kann dies Menschen töten – ganz abgesehen von giftigen Inhaltstoffen, Überdosierungen oder gefährlichen Nebenwirkungen. Doch die Zahl der Fälschungen steigt immer mehr. In nur zwei Monaten fand der Zoll in allen EU-Mitgliedsländern 34 Millionen gefälschte Tabletten.

Ein Bruchteil davon lagert dieser Tage in einem Schuhkarton im Arzneimitteluntersuchungsinstitut – Nord GmbH (AMI Nord). Hier werden Medikamentenproben aus den sechs Bundesländern Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und dem Saarland geprüft. Das Kerngeschäft des Instituts ist die Überwachung des legalen Arzneimittelmarktes im Länderauftrag. Rund 1.050 Stichproben untersuchen die fünf Wissenschaftler mit je zwei bis drei technischen Mitarbeitern jährlich. Überwiegend handelt es sich um turnusgemäße Prüfungen von zugelassenen Medikamenten, wie sie das Arzneimittelgesetz vorschreibt. Daneben landen Proben wegen Fälschungsverdachts im Institut.

Fälschungen werden über das Internet verkauft

"Die Zahl der Fälschungen nimmt zu", hat auch Institutsleiter Dr. Konrad Horn an der Häufigkeit beobachtet, mit der sie das AMI Nord erreichen. Noch 2005 ließen Polizei, Zoll, Staatsanwaltschaft oder Behörden erst rund zehn Prozent verdächtige Proben prüfen. 2009 hatte sich die Zahl fast verdoppelt.

Überwiegend werden Fahnder in beschlagnahmten Postsendungen fündig. Denn gutgläubige bis naive Verbraucher kaufen vermeintlich echte und oft verschreibungspflichtige Ware über das Internet aus dem Ausland, weil das billiger ist. Oft stammen die Produkte aus Asien – mit der auch nicht unerheblichen Nebenwirkung, dass Packungsaufdruck und Beipackzettel unverständlich sind.

Ob das Aids-Medikament Combivir oder das Grippe-Mittel Tamiflu: Kein Arzneimittel, mit dem sich Geld verdienen lässt, ist vor Fälschungen sicher, und das nicht selten mit dramatischen Folgen. Gepanschter Blutverdünner etwa, vorgeblich Heparin, wird allein für 80 Todesfälle in den USA verantwortlich gemacht. Überwiegend werden aber Lifestyle-Produkte gefälscht, wissen Experten. "Mit Schlankheitsmitteln ging es los", berichtet Horn über Erfahrungen des Instituts.

Risiko Bluthochdruck

Institutsleiter Konrad Horn (re.) und Laborleiter Christian Langfermann (li.) bei einer Untersuchung.
Institutsleiter Konrad Horn (re.) und Laborleiter Christian Langfermann (li.) bei einer Untersuchung. Foto: Jörg Sarbach

Beispielsweise war ein chinesisches Mittel auf der Packung als "rein pflanzlich" angepriesen worden, doch enthielt es dieselben Stoffe wie ein verschreibungspflichtiges Schlankheitsprodukt. "Wir haben zum Beispiel Sibutramin gefunden, das Bluthochdruck verursachen kann", so der Apotheker. Bislang war in Deutschland eine Dosierung von zehn bis 15 Milligramm erlaubt, doch der Vertrieb wurde kürzlich wegen eines erhöhten Risikos für Herzinfarkte und Schlaganfälle gestoppt. "Unsere Proben enthielten bis zu 29 Milligramm pro Kapsel – eine klare Überdosierung."

In dem Institut herrscht Arbeitsteilung. Zuständig für die Identifikation unbekannter respektive gefälschter Substanzen ist Dr. Christian Langfermann. Sein wichtigstes Hilfsmittel ist dabei einer der insgesamt 19 HPLCs des Instituts, wie die Wissenschaftler den umständlichen Begriff Hochleistungsflüssigkeitschromatograf abkürzen.

Mit einem an ein Massenspektrometer gekoppelten HPLC lässt sich die Masse der in einer Tablette enthaltenen Substanzen exakt bestimmen und per Computer mit Substanzen in einer Datenbank vergleichen. "Durch diesen Vergleich weiß man häufig sofort, ob es sich um eine Fälschung handelt", so Langfermann. Wenn diese Versuche nicht zum Erfolg führen, geht die harte Arbeit los. Die Medikamente werden zerkleinert, in Flüssigkeiten gegeben, filtriert und weiteren Versuchen unterzogen – was immer der Aufklärung dient. "Das ist schon ein bisschen Detektivarbeit", sagt der gelernte Lebensmittelchemiker.

Die Tabletten in dem Schuhkarton sind, das hatte er schnell heraus, keineswegs Viagra, wie die Verpackungsaufschriften behaupten. Vielen sieht man das auch an: Sie sind gelb, weiß, rosa, bröselig – nicht hellblau wie das Original. Nur ein Hersteller hat sich die Mühe gemacht, sein Werk auch optisch zu fälschen.

"In Deutschland gibt es neben Viagra nur zwei weitere zugelassene Arzneimittel mit vergleichbarer Wirkung", sagt Horn. Daneben seien Nachahmungen oder Fälschungen auf dem Markt, die mit rund 30 ähnlichen Wirkstoffen arbeiteten. Womöglich helfen sie auch zunächst. "Das Problem ist, diese Substanzen sind anders als die zugelassenen alle nicht klinisch getestet und für sicher befunden worden."

Verbraucher müssen umdenken

Das angebliche Naturheilprodukt, das Chemie enthält; das ayurvedische Arzneimittel, das mit dem 169.000-fachen des zulässigen Quecksilbergehalts belastet ist, gefälschte Anabolika: Horn und Langfermann könnten die Liste beliebig verlängern. Die Fälschung ist dabei nur die eine Seite – letztlich müssen die Verbraucher umdenken. Nicht nur, weil sie illegal handeln, wenn sie sich verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Viagra ohne Rezept aus dem Ausland beschaffen. Auch aus schlichter Logik: "Wenn ich über das Internet eine Rolex aus China für 120 Euro kaufe, glaube ich ja auch nicht, ich hätte eine echte", sagt Horn.

Wer sichergehen will, dass er verlässliche Arznei-, Potenz- oder Schlankheitsmittel kauft, solle in die Apotheke um die Ecke gehen oder sich an die zugelassenen Internet-Apotheken halten, die in einer Liste beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information zu finden sind. Horn: "Bei den anderen kann er davon ausgehen, dass er finanziell und gesundheitlich übers Ohr gehauen wird."

Mehr unter www.ami-nord.de und www.dimdi.de/dynamic/de/amg/var/index.htm

5.906 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Arzneimitteluntersuchungsinstitut – Nord GmbH

Dr. Konrad Horn

E-Mail: Konrad.Horn[at]ami-nord.de