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Schwein oder nicht Schwein?

Der Bremer Archäozoologe Hans Christian Küchelmann hält den Kopf eines großen Hausschwein-Ebers. Foto: Christian Beneker
Der Bremer Archäozoologe Hans Christian Küchelmann hält den Kopf eines großen Hausschwein-Ebers. Foto: Christian Beneker

In Bremen arbeitet einer der wenigen freiberuflichen deutschen Archäozoologen. Unter seinen Augen werden alte Knochen zu beredten Zeugen.
Hans Christian Küchelmann hebt einen mächtigen knöchernen Schädel vom Regal, den Kopf eines Ebers. Zwei teils abgesägte Hauer ragen aus dem Kiefer. "Ein Hausschwein, ganz klar, Wildschweine haben einen länglichen Kopf und keine derart wulstige Stirn", sagt Küchelmann und fährt mit den Fingern über den geschwungenen Stirnknochen. "Selten so einen riesigen Kopf gesehen."

Wir sind in Bremens Überseestadt. In alten Speichern und neu errichteten Häusern in den alten Bremer Hafenrevieren lassen sich seit einigen Jahren kleinere und größere Unternehmen nieder. Hier arbeitet Küchelmann, der Archäozoologe, der Mann mit dem Knochenjob. Er ist einer der rund zehn freiberuflichen Fachleute dieser Art in Deutschland, die wissen, wie man bleichen Rippen und Schädeln ihre Geheimnisse "ansieht". Als Archäozoologe erforscht er die Geschichte der Beziehungen von Mensch und Tier. Also – wie haben Hund, Katz und Maus zusammengelebt mit dem Bauern? Marder und Taube mit dem Mönch? Wal und Hering mit Bremens Ratsherren? Was lässt sich herauslesen aus den Überresten der Sterblichen?

Aus vielen Teilen der Welt, von Landschaftsverbänden, Universitäten, Museen, vor allem aber von Archäologen erhält der 46-Jährige Knochenteile zugesandt, die er untersuchen soll. Welches Tier? Welches Körperteil? Gibt es Spuren am Knochen? Rühren sie von einem Kampf her, sind es Biss-Spuren oder stammen sie von einem Werkzeug? Welches Geschlecht? Wie alt? Im Zweifel reist Küchelmann mit Sack und Pack den Archäologen hinterher und ermittelt direkt vor Ort - etwa bei einer Ausgrabung in Armenien.

Dabei ist strenge Wissenschaft gefragt. So hält Küchelmann in seinem Archiv auch keinen schlichten Schweinekopf in Händen, sondern, um genau zu sein, ein cranium samt mandibula und dentes vom Sus domesticus. Der Schädel samt Unterkiefer und Zähnen vom Hausschwein ist Teil der Vergleichssammlung, die Küchelmann in seinem Labor angelegt hat. Diese Sammlung zieht er zu Rate, wenn das Fundstück selber nicht sofort erkennbar ist.

Kaleidoskop der Vergänglichkeit

In Auszügen, auf Tischen, Regalen und Schränken liegen die bleichen Gerippe von Ziegen, Hunden, Schafen. "Und hier haben wir die großen Säugetiere: Pferde, Kühe - und Menschen", sagt der Küchelmann. Schonend an Schläuchen aufgezogene Wirbelreihen. Dazu die Gebeine von Katzen, Mäusen, Schafen, der Teil eines Mammuts sogar und aus der Ecke grinsen drei Menschenschädel - alle Knochen hübsch geordnet nach Gattung, Art und Körperseite. Küchelmanns Labor ist ein Kaleidoskop der Vergänglichkeit – aber beredt.

Küchelmanns Aufgabe ist es, aus den Knochen-Resten Geschichten und Geschichte zu lesen oder es doch wenigstens anderen zu ermöglichen. Dazu stellt er seine Untersuchungsergebnisse in den historischen Rahmen. "Bei einer Ausgrabung in Paderborn haben wir in einer Grube zum Beispiel viele Teile von Froschskeletten gefunden und zwar nur die Hinterbeine", berichtet Küchelmann, "hier wurden wohl Froschenkel verspeist. Das lässt auf einen vornehmen Haushalt schließen."

Detektivarbeit gefragt

Pärchen mit Überbiss. Im Küchelmanns Archiv lagern auch Menschenknochen, wie diese beiden Schädel. Foto: Christian Beneker
Pärchen mit Überbiss. Im Küchelmanns Archiv lagern auch Menschenknochen, wie diese beiden Schädel. Foto: Christian Beneker

Mitunter muss der Biologe mit detektivischer Finesse zu Werke gehen, um einen Knochenfund zu entschlüsseln: Warum liegt in Mayen/Eifel ein komplettes Hundeskelett zusammen mit einem angeknabberten Fressnapf wie in einem Grab bestattet? Ein anderes Mal fand man in Jemgumkloster/Ostfriesland einen Hund mit eingeschlagenem Schädel. "Das Tier liegt oberhalb der kaiserzeitlichen und unterhalb der frühmittelalterlichen Schicht", sagt Küchelmann, es stammt also aus dem 5. bis 8. Jahrhundert. Demnächst soll eine Radiokarbonbestimmung näheren Aufschluss über das Alter geben. Vielleicht kommt man dann auch dem Rätsel der seltsamen Bestattung näher. Wahrscheinlich ist das Tier eine Grabbeigabe.

Und wie kommt ein Walknochen auf den Teerhof mitten in Bremen? Den Fund hat Küchelmann als "Nordkaper" (Eubalaena glacialis) klassifiziert, einen Glattwal, der jünger als neun Jahre gewesen sein muss. Ein Irrläufer in der Weser? Eine Strandung an der Flussmündung, dessen Kadaver dann in die Stadt gebracht wurde? Oder ist das Flossenstück das Mitbringsel eines Matrosen? Die Spuren am Knochen - "15 Hiebspuren durch einen scharfkantigen, spitzwinkligen, klingenartigen Gegenstand" - ließen Küchelmann auf eine Schlachtung schließen. Eine Schlachtung deutet auf den Walfang und zwar gemessen an der Sedimentschicht im Zeitraum zwischen 1653 und 1709.

Mitunter hat Küchelmann auch traurige Aufträge zu erfüllen – immer dann, wenn die Staatsanwaltschaft anruft. 2004 wurde in Bremen der Torso einer Frau gefunden. Küchelmann sollte ermitteln, wie Kopf, Arme und Beine vom Rumpf getrennt wurden. Aus mehreren Gründen war diese Arbeit anders. "Wenn ich weiß, dass die Knochen, die ich untersuche, einem kürzlich noch lebenden Menschen gehört haben, dann ist das schon sehr bedrückend", sagt Küchelmann. Bei der Toten in Bremen konnte seine Expertise vor Gericht wesentlich zur Aufklärung des Mordes beitragen.

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5.118 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Hans Christian Küchelmann

E-Mail: info[at]knochenarbeit.de