Sie sind hier:

Das Gesicht des Klimahauses

Lernbereitschaft und Interesse öffneten ihm Türen auf der Weltreise entlang des 8. Längengrades: Architekt Axel Werner.
Lernbereitschaft und Interesse öffneten ihm Türen auf der Weltreise entlang des 8. Längengrades: Architekt Axel Werner. Foto: Jörg Sarbach

800.000 Menschen sind schon mit ihm auf Weltreise gegangen. In Filmsequenzen, Audiobeiträgen und Tagebuchnotizen nimmt Axel Werner die Besucher des Klimahauses Bremerhaven 8° Ost seit einem Jahr mit auf eine Expedition entlang des achten Längengrades.

Die Kinder einer Grundschulklasse haben ihn gleich erkannt, plötzlich drängen sie sich um ihn wie um einen Popstar. Axel Werner schreibt Autogramme auf Unterarme, in Schulhefte und rosa Freundschaftsbücher. Auch die junge Mitarbeiterin aus dem Team des Klimahauses weiß sofort, wen sie da vor sich hat. "Wir sehen ihn ja jeden Tag in den Filmausschnitten. Da ist es schon ein besonderes Gefühl, ihn einmal live zu treffen", erzählt sie strahlend und lässt sich mit Axel Werner fotografieren.

Ein paar Meter weiter will ein Rentnerehepaar von ihm wissen, wie es denn nun so war, auf seiner Reise. Axel Werner antwortet ihnen kurz und freundlich, spricht von einem tollen Erlebnis, ohne näher auf die Einzelheiten einzugehen. Über so eine Reise kann man nicht mal so eben im Vorübergehen erzählen. Zu vielschichtig sind die Eindrücke.

Axel Werner ist das Gesicht und die Stimme des 11.500 Quadratmeter großen Klimahauses Bremerhaven 8° Ost, das vor einem Jahr in der Seestadt eröffnet wurde. Am Anfang der Ausstellung sieht man in einem Filmbeitrag, wie er aus dem Bett steigt, sich anzieht, seinen Koffer schnappt und seinen Anrufbeantworter mit der Nachricht bespricht, er sei erst im nächsten Jahr wieder zurück. Dann klappt unter der Decke ein Bahnhofsschild mit der Aufschrift "Bremerhaven" herunter, der Zug fährt ab, und auf Bahngleisen laufen die Besucher zur ersten Station der Reise – in die Schweiz.

Von dort aus begleiten die Gäste des Klimahauses den abenteuerlustigen Architekten nach Sardinien, Niger, Kamerun, in die Antarktis, nach Samoa, Alaska und schließlich als letzte Etappe vor der Rückkehr nach Bremerhaven noch auf die Hallig Langeness. Die Ausstellung zeigt dabei anschaulich, wie das Klima das Leben der Menschen rund um den Globus prägt. "Es ist schon kurios, dass ich in dieser Ausstellung für die nächsten Jahre konserviert bin", sagt Axel Werner.

Wird er nach der ungewöhnlichsten Station seiner Reise gefragt, beginnt er, dem zunächst etwas verdutzten Zuhörer von Langeness zu erzählen. Von der Ruhe, die plötzlich einsetzt, wenn die Fähre ablegt. Und von den Menschen auf der Warft, für die Spazierengehen etwas völlig Abwegiges ist. Von einem Leben, das völlig anders ist als sein eigenes.

Die Welt fängt vor der Haustür an

Es ist schon komisch für die nächsten Jahre in einer Ausstelung konserviert zu sein, sagt Axel Werner, das Gesicht vom Klimahaus 8° Ost.
Es ist schon komisch für die nächsten Jahre in einer Ausstelung konserviert zu sein, sagt Axel Werner, das Gesicht vom Klimahaus 8° Ost. Foto: Jörg Sarbach

Als einer der Klimahaus-Planer bei einer Recherchereise nach Samoa verhindert war, sprang Werner spontan ein, der im Hauptberuf vor allem Kulissen für Film- und Fernsehproduktionen entwirft. Auf der Pazifikinsel angekommen, erkannte das Team schnell, dass sein Wesen gut zum Konzept der Ausstellung passt: Er geht unbefangen und neugierig auf Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu. "Wenn man nicht den Eindruck vermittelt, dass man alles besser weiß, sondern Interesse am anderen signalisiert und gern von ihm lernen möchte, dann öffnen sich plötzlich Türen", sagt er. Solche Momente machen für ihn zugleich den Zauber des Reisens aus. "Es würde mich sehr freuen, wenn die Ausstellung das ein Stück weit vermitteln kann."

Warum also ihn nicht als Führer durch die Schau ins Bild setzen, fand das Team, und Axel Werner schlug ein. Die Dreh- und Recherchereisen verteilten sich auf einen Zeitraum von rund dreieinhalb Jahren – kein Problem für ihn. Die Reiselust liegt wohl in der Familie. Seine Urgroßeltern wanderten über Bremerhaven nach Amerika aus, auch seinen Bruder zog es in den 50er-Jahren dauerhaft in die Vereinigten Staaten, und seine Schwester ging nach Mexiko.

In der Kälte Alaskas oder in der Weite der Wüste hat sich Axel Werner manchmal gefragt, wie es denn wäre, wenn alles, was der Mensch geschaffen hat, plötzlich, von einem Moment auf den anderen, verschwinden würde. "Wir in den hoch entwickelten Industrienationen wären völlig aufgeschmissen. Und gerade weil wir so viel zu verlieren haben, ist unsere Angst vor dem Klimawandel auch so groß. Naturvölker sind da viel anpassungsfähiger, weil sie sich alles aus ihrer natürlichen Umgebung beschaffen."

Am schwersten treffe der Klimawandel dagegen jene Völker, die irgendwo zwischen westlichem Konsum und ihrer traditionellen Kultur stehen, sagt er, und nennt die Yupik in Alaska als Beispiel. Am westlichsten Rand der Weltkarte, wo die Beringstraße mit hohen Wellen an die Küste der Sankt-Lorenz-Insel schlägt und man bei klarem Wetter bis nach Sibirien blicken kann, zeigen sich die Folgen des Klimawandels besonders dramatisch.

Das Meereis schmilzt, der Wasserspiegel steigt – und bedroht Menschen, die noch etwas ganz anderes plagt: Alkoholismus. "Indianer reagieren schließlich aufgrund einer genetischen Veranlagung besonders empfindlich auf Alkohol." Deshalb sei er offiziell verboten. "Die Yupik umgehen das Verbot jedoch, indem sie Softdrinks mit Hefe mixen und das Ganze gären lassen. Die Erwachsenen trinken sich um den Verstand und den Kindern fallen schon von den Softdrinks allein die Zähne aus, weil sie so viel Zucker nicht verarbeiten können. Meine Begegnungen in Alaska waren die traurigsten auf der ganzen Reise."

Nach Reiseerlebnissen jenseits des Massentourismus’ sucht Axel Werner schon lange – nicht erst, seit das Klimahaus auf ihn aufmerksam wurde. In Mexiko etwa, wo er in den 70er-Jahren zusammen mit den Einheimischen ohne elektrische Werkzeuge ein Haus für seine Schwester baute, lebte er anderthalb Jahre lang in einer Hütte ohne Strom. "Freunde, die mich da besucht haben, sind nach einer Zeit schreiend davon gelaufen und wollten wieder zurück in die Stadt. Sie sind mit der Stille einfach nicht zurecht gekommen."

Axel Werner dagegen mag die Stille. Sie gibt ihm Raum für grundlegende Gedanken. Für die Frage nach der eigenen Herkunft zum Beispiel. Was wäre, wenn er in einem ganz anderen Teil der Welt und unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen wäre? Würde er dann nicht wahrscheinlich genauso denken, fühlen und handeln wie die Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet? Und steckt somit nicht auch in jedem von uns etwas von dem anderen, der uns zunächst so fremd erscheint? Solche Überlegungen machen ihn aufgeschlossen für neue Begegnungen. Denn er ist überzeugt: Auf Reisen erfährt man nicht nur etwas über andere Menschen – sondern auch viel über sich selbst.

Mehr unter www.klimahaus-bremerhaven.de

6.446 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Klimahaus Betriebsgesellschaft mbH

E-Mail: heumer[at]klimahaus-bremerhaven.de