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Wie ein guter Portier

Durch diese Schleuse müssen sie kommen, an ihm müssen sie vorbei: Schleusenwärter Peter Burhorn erwartet die ersten Schiffe zur Sail.
Durch diese Schleuse müssen sie kommen, an ihm müssen sie vorbei: Schleusenwärter Peter Burhorn erwartet die ersten Schiffe zur Sail. Foto: Wolfgang Heumer

Zehn Bremerhavener Seeleute kommen trotz Ruhestand vom nautischen Geschäft einfach nicht los. Sie sorgen als Schleusenwärter dafür, dass ein wichtiges Tor der Stadt zur Welt stets geöffnet ist – demnächst auch bei der "Sail 2010".

Aus der Glaskanzel hoch über dem Neuen Hafen in Bremerhaven blickt Peter Burhorn etwas sorgenvoll zum Horizont. "Donnerwetter, die haben ja ein Tempo", sagt er über die dunklen Wolken, die aus Richtung Wesermündung heranziehen. Kaum ausgesprochen, prasseln dicke Regentropfen gegen die Scheiben, und ein paar kräftige Windböen pfeifen um den Leitstand. Nur ein paar Minuten später ist der meteorologische Spuk vorbei, und Burhorn beugt sich über das Mikrofon seines Funkgerätes: "'Kiek ut', du kannst einfahren", gibt er dem Peilschiff des Wasser- und Schifffahrtsamtes Anweisung, aus dem Hafen in die Schleusenkammer zu steuern.

Ort des Geschehens ist die Schleuse "Neuer Hafen", seit 2005 Zufahrt zum neuen Tourismusgebiet "Havenwelten". Wassersportler aus dem gesamten Norden und den benachbarten Niederlanden steuern über die 60 Meter lange Schleuse ihre Gastliegeplätze inmitten der Bremerhavener Innenstadt an. Doch nicht die Tatsache, dass sich die Zahl der Schleusungen innerhalb von fünf Jahren verzehnfachte, ist das Besondere der Anlage, sondern das Personal, das dahintersteht: "Wir sind alle selbst Nautiker gewesen und können so noch die Verbindung zur Seefahrt halten", sagt Burhorn als Sprecher der Mannschaft.

Nur Knöpfchen drücken reicht nicht

Wer Burhorn oder einen seinen Kollegen oben in der Glaskanzel des Leitstandes besucht hat, sieht schnell, dass Schleusen kein einfacher Rentnerjob ist. "Einfach nur Knöpfchen drücken? Das reicht hier nicht", lacht Burhorn. Dafür ist nicht nur die Schleusentechnik zu kompliziert, sondern auch die Aufgabe zu verantwortungsvoll. Die Schleuse ist neben ihrer Verkehrsfunktion ein wichtiger Bestandteil des Bremerhavener Hochwasserschutzsystems – wenn die Schleusenwärter hier nicht aufpassen, läuft die Stadt bei Hochwasser voll.

"Korrekt lautet die Bezeichnung für die inneren und äußeren Tore Außenhaupt und Binnenhaupt", sagt Burhorn. Erläuternd zeigt er auf den Flachbildschirm, der vor ihm auf dem Schreibtisch steht und eine vereinfachte Grafik der Schleusenanlage aus der Vogelperspektive zeigt. Der Monitor und eine Computer-Maus ersetzen die Armaturen- und Knopfbatterien, die noch vor wenigen Jahren die Schleusenleitstände ausfüllten: "Hier geht alles auf Mausklick", sagt Burhorn – und an seinem Lächeln ist zu erkennen, dass es auch ein bisschen der Modellbahneffekt ist, warum sich Männer wie er für die Arbeit als Schleusenwärter begeistern.

Mehr als 20 Jahre ist Burhorn zur See gefahren. Der einstige Kapitän auf großer Fahrt hat seine Profession von der Pike auf gelernt – statt (wie von den Eltern gewünscht) Jura zu studieren und der Laufbahn seines Vaters zu folgen, heuerte er lieber als Schiffsjunge auf der Viermastbark "Pamir" an und ließ sich "beim Lloyd" zum Schiffsoffizier ausbilden. Auch wenn seiner aktiven Fahrenszeit weitere Jahre im Landdienst bei einer großen Containerreederei folgten – der Mythos Windjammer hat Burhorn nicht mehr los gelassen. Wenn er nicht gerade auf der Schleuse arbeitet, steht er als Kapitän auf der Brücke unter grünen Segeln und navigiert das Segelschulschiff "Alexander von Humboldt" durch die Meere, das lange für Beck’s Bier Reklame fuhr. Oder er steuert die Hansekogge "Ubena von Bremen" über Weser, Nordsee, Elbe und Ostsee.

Heute ist wieder Schleusendienst, und Burhorn hat alle Hände voll zu tun. Die "Kiek ut" will den Hafen verlassen. Von See kommt ein Tankschiff und will in den Hafen hinein. Über Funk hat sich eine Segelyacht angemeldet. Und dann klingelt auch noch das Handy – die Besatzung eines Motorbootes fragt nach einem Termin, um die Marina gleich neben der Schleuse in Richtung Bremen verlassen zu können. Trotz des Durcheinanders behält Burhorn die Ruhe und steuert die Schleuse konzentriert.
Klick – Burhorn bewegt den Computer-Cursor auf das Schrankensymbol am Binnenhaupt. Prompt warnt eine Klingel die Fußgänger, bevor die Schranken den Fußüberweg schließen. Klick – Burhorn startet die Spülpumpen und öffnet das Schleusentor einen Spalt breit, damit sich der Wasserstand in der Schleusenkammer dem im Hafen angleichen kann. Keine acht Minuten braucht es, bis alle erforderlichen Abläufe für das Schleusen abgeschlossen sind und die "Kiek ut" durch das Außenhaupt Richtung Weser fährt.

Kontakt zu alten Kollegen

Computer haben die Armaturen im Leitstand der Schleusenanlage abgelöst. Mittels Monitoren behält Peter Burhorn den Überblick an der Schleuse.
Computer haben die Armaturen im Leitstand der Schleusenanlage abgelöst. Mittels Monitoren behält Peter Burhorn den Überblick an der Schleuse. Foto: Wolfgang Heumer

Zwischendurch hat Burhorn das Fenster des Leitstandes geöffnet und ein paar Worte mit der Besatzung des Peilschiffes gewechselt. Man(n) kennt sich hier an der Küste. Und das, so sagt Burhorn stellvertretend für seine Mitstreiter, ist das eigentlich Faszinierende an dem Job auf dem Leitstand: "Man hält Kontakt zu den Kollegen, ist noch drin in der Szene und klönt auch mal ein bisschen."

Das, was das Team dort tut, ist eine komplexe und verantwortungsvolle Arbeit. Schleusen ist nicht ungefährlich, wenn man nicht aufpasst, kann es schnell zu Beulen oder – viel schlimmer – zu Blessuren der Besatzungen kommen. Burhorn hat deswegen die vier Monitore oberhalb des Schleusenfensters fest im Blick. Eine fünfte Überwachungskamera zeigt die Weser, während er die Seeseite mit bloßem Auge überschauen kann: "So sehe ich rechtzeitig, ob jemand in die Schleuse will, und kann alles bestens vorbereiten." Wie bei einem guten Portier im Grandhotel ist auch die Freundlichkeit der Schleusenwärter ein erster, wichtiger Aspekt dafür, ob sich die Gäste in Bremerhaven wohl fühlen.

Bei aller Freundlichkeit, Burhorn kann auch anders. Gerade noch hat er der abziehenden Wolkenfront nachgeschaut, da sieht er, dass die "Kiek ut" trotz roter Ampel die Schleuse bereits verlässt. Schnell greift er zum Funkgerät: "Kiek ut, das nächste Mal wartest du aber, bis ich 'grün' gebe", ruft er dem Schiff hinterher. In anderen Häfen, das wissen Wassersportler sehr genau, wäre jetzt jeder wegen des Anraunzers zusammengezuckt. Hier krächzt nur ein knappes "Jau" als Antwort aus dem Lautsprecher. "Wir kennen uns, wir verstehen uns", verdeutlicht Burhorn, dass der Ton in Bremerhaven manchmal rau, aber immer herzlich ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Schleuse Neuer Hafen und die anschließenden "Havenwelten" bei Wassersportlern mittlerweile so beliebt sind.

6.342 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

BIS Bremerhaven

Volker Kölling

E-Mail: koelling[at]bis-bremerhaven.de