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Öffentlicher Dienst als Karrieresprungbrett

Yvonne Steller poliert den Schlüssel zur Zukunft: Er öffnet symbolisch den Zugang zum neuen Ausbildungszentrum des WSA Bremerhaven.
Yvonne Steller poliert den Schlüssel zur Zukunft: Er öffnet symbolisch den Zugang zum neuen Ausbildungszentrum des WSA Bremerhaven. Foto: Wolfgang Heumer

Ist eine Ausbildung im öffentlichen Dienst nur etwas für Langweiler, die stressfrei dem Ruhestand entgegen rutschen wollen? Von wegen! Wer beim Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven (WSA) Industrie- und Schiffsmechaniker lernt, steht auf einem Karrieresprungbrett. Jetzt investiert das WSA in eine noch bessere Ausbildung.

Seit Stunden feilt und poliert Yvonne Steller bereits an dem Messingschlüssel. Akribisch achtet sie darauf, dass die besonderen Kennzeichen des Werkstücks nicht den geringsten Kratzer aufweisen. Der Bart ist aus dem futuristisch wirkenden Emblem des WSA geformt, der Griff zeigt den traditionellen Bremer Schlüssel.

Die Symbolik ist nicht zu übersehen. Als angehende Industriemechanikerin arbeitet Yvonne Steller an einem Metallgegenstand, der Zukunft und Vergangenheit verbindet. Sowohl für die jungen Auszubildende als auch für das WSA selbst: Die junge Frau lernt für ihre eigene Zukunft in einem Beruf, der an der Küste trotz langer Tradition kurz vor dem Aussterben war. Das WSA wiederum ist auf dem Sprung, die alte mechanische Lehrwerkstatt gegen ein modernes Ausbildungszentrum zu tauschen. In wenigen Tagen wird sie offiziell eingeweiht. Der Schlüssel, an dem Yvonne Steller gerade arbeitet, soll dann vom Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung, Enak Ferlemann, an die beiden Ausbildungsmeister Andreas Bohling und Enrico Köhler übergeben werden. "Mit diesem Zentrum können und wollen wir unserer Verantwortung gegenüber dem Nachwuchs noch besser gerecht werden", sagt WSA-Leiter Werner Kinkartz.

Schiffs- und Industriemechaniker sind gefragte Berufe. Facharbeitermangel heißt das politische Stichwort, Ausbildungsverantwortung lautet die daraus abgeleitete Forderung an Industrie und Verwaltung. An der Küste sind beide Themen besonders präsent. Einerseits hat das Sterben des alt-industriellen Schiffbaus viele Ausbildungsplätze für immer verschwinden lassen, andererseits wächst der Fachkräftebedarf in der Boombranche Windkraftindustrie sowie in der Schifffahrt immer weiter.
Die zum Bundesverkehrsministerium gehörende Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ist mit knapp 250 Beschäftigten in mehr als 30 Berufsgruppen einer der mittelgroßen Arbeitgeber in der Stadt und hat auf die schwindende Zahl von qualifizierten Ausbildungsplätzen reagiert. In der WSA-Werkstatt werden nicht nur Industrie- und Schiffsmechaniker ausgebildet, sondern auch IT-System-Elektroniker, Elektroniker für die Energie- und Gebäudetechnik sowie Wasserbauer und Schiffsmechaniker. "Dieses Spektrum spiegelt die Bandbreite unserer Aufgaben wider", sagt der Amtsleiter – die Sicherung und der Unterhalt der Bundeswasserstraßen erfordert vielfältige Kenntnisse.

Wie viele Auszubildende hier während des 130-jährigen Bestehens ihre Lehre absolvierten, weiß zwar niemand, aber die aktuellen Azubizahlen sprechen für sich. Im aktuellen Ausbildungsjahr sind es elf neue Lehrlinge, insgesamt sogar 29, die im Amt und auf den Schiffen des WSA arbeiten: "Mit einer Ausbildungsquote von zwölf Prozent liegen wir deutlich über der für Bundesbehörden vorgeschriebenen Zahl von sieben Prozent", rechnet Kinkartz vor.

Für Yvonne Steller war dieses Ausbildungsangebot genau das richtige, um sich beruflich völlig neu zu orientieren. 13 Jahre hatte sie im Einzelhandel gearbeitet, aber eigentlich wollte sie immer etwas Praktisches tun und das Ergebnis ihrer Arbeit anschließend in den Händen halten. Immer wieder hatte sie nach einem adäquaten Ausbildungsplatz gesucht: "Das ist gar nicht so einfach", sagt sie, "wenn man noch einmal umsattelt, muss alles stimmen." Immerhin dauert die Mechanikerausbildung dreieinhalb Jahre. Wer so lange lernt, will seine Zeit nicht mit Handlangerarbeiten oder als mehr oder weniger billige Hilfskraft verbringen. Wenn schon, denn schon, macht Yvonne Steller zwischen den Zeilen deutlich: Wenn schon Ausbildung, dann schon richtig.

Praxis sammeln auf See

Ausbildungsmeister Enrico Köhler erklärt seinen angehenden Schiffsmechanikern den Umgang mit einer klassischen Fräs- und Drehmaschine.
Ausbildungsmeister Enrico Köhler erklärt seinen angehenden Schiffsmechanikern den Umgang mit einer klassischen Fräs- und Drehmaschine. Foto: Wolfgang Heumer

Um die Nachwuchskräfte kümmern sich mit Andreas Bohling und Enrico Köhler zwei Ausbildungsmeister, die eigens für diese Aufgaben abgestellt sind. "Bei uns läuft kein Azubi einfach so nebenher, hier wird er gefordert und muss das Gelernte immer wieder in der Praxis im Betrieb unter Beweis stellen", erläutert Bohling. Die angehenden Schiffsmechaniker müssen ihre praktischen Erfahrungen unter zusätzlich verschärften Anforderungen machen. Denn ihre Praxis sammeln sie auch auf See.

Zunächst sind die Lehrlinge auf den kleineren Schiffen im Tagesdienst tätig, dann bleiben sie für ein paar Tage auf den größeren Schiffen des WSA auf der Nordsee. Dann folgt der wochenlange Praxiseinsatz in der weltweiten Fahrt auf Schiffen der Bremer Reederei "German Tankers".

Das WSA räumt dabei nicht nur mit dem Vorurteil auf, die Arbeit im öffentlichen Dienst sei etwas für Langweiler. Es straft auf jene Lügen, die wider besseren Wissens immer noch behaupten, Frauen an Bord brächten Unglück. Immer häufiger bildet das Amt Frauen zu Schiffsmechanikern aus, ein Beruf, der bislang als eine der letzten Männerdomänen galt. Das Feingefühl, das Auszubildende wie Yvonne Steller beim Messingpolieren zeigen, überträgt sich offenbar auch auf die Stimmung. "Es geht schon gesitteter zu, als wenn hier nur Männer arbeiten würden", sind die beiden Ausbildungsmeister überzeugt.

Vielleicht liegt die entspannte Stimmung auch daran, dass die Auszubildenden zumeist ohne Sorgen in die Zukunft blicken können. "Bislang hat jeder, der erfolgreich seine Prüfung bestanden hat, auch einen Arbeitsplatz gefunden", weiß Bohling. Wer mit der Note drei oder besser abschließt, bekäme sogar einen zunächst befristeten Arbeitsplatz beim WSA, doch die wenigsten nutzen dieses Angebot: „Die Nachfrage nach Industrie- und Schiffsmechanikern ist enorm“, weiß Köhler – und zwar so hoch, "dass viele schon vor der Prüfung von Unternehmen angesprochen werden und einen Arbeitsvertrag angeboten bekommen", berichtet Bohling.

750.000 Euro für ein neues Ausbildungszentrum

Künftig könnte die Nachfrage noch steigen. Denn mit dem 750.000 Euro teuren neuen Ausbildungszentrum bekommen die Nachwuchskräfte nicht nur eine größere Ausbildungswerkstatt, sondern auch die neuesten Technologie beispielsweise in Form von rechnergesteuerten Fräsmaschinen. Den Schlüssel, den Yvonne Steller gerade zurechtfeilt, kann sie demnächst also mit modernster Technik perfekt und in nahezu beliebiger Zahl herstellen. "Der öffentliche Dienst geht eben mit der Zeit", sagt Amtsleiter Kinkartz und zeigt damit, dass auch ein Amtssessel ein Karrieresprungbrett sein kann.

Mehr unter www.wsa-bremerhaven.de

6.615 Zeichen, Autor: Wolfang Heumer

Pressekontakt:

Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven

Werner Kinkartz

E-Mail: wsa-bremerhaven[at]wsv.bund.de