Sie sind hier:

Steife Brise aus Nordwest

alpha ventus ist der erste deutsche Windpark auf hoher See. Viele weitere sollen folgen. Foto: DOTI 2009/Matthias Ibeler
alpha ventus ist der erste deutsche Windpark auf hoher See. Viele weitere sollen folgen. Foto: DOTI 2009/Matthias Ibeler

Vor der Küste drehen sich die ersten deutschen Offshore-Windräder – Ziel: zukunftsfähige Stromproduktion

Der Wind beflügelt die Wirtschaft im Nordwesten Deutschlands. "Die Region Bremen-Bremerhaven-Oldenburg ist das Zentrum der deutschen Windenergie", sagt der Chef des Fraunhofer-Institutes für Windenergie und Energiesystemforschung, Dr. Hans-Gerd Busmann in Bremerhaven. Das Selbstbewusstsein ruht auf einer soliden Basis. Binnen weniger Jahre ist in dem Drei-Städte-Dreieck mit Schwerpunkt in Bremerhaven eine Industrie entstanden, in der "mehr Beschäftigte zu finden sind, als im Schiffbau und der maritimen Industrie", so Busmann. Für die kommenden 20 Jahre erwarten Experten allein für die Unternehmen im Nordwesten ein Umsatzvolumen von insgesamt rund 50 Milliarden Euro.

Windkraft ist jene regenerative Energiequelle, die derzeit am effizientesten "angezapft" werden kann. Politik und Wirtschaft im Land Bremen haben das bereits erkannt, bevor die internationale Klimaschutz-Diskussion der Windenergie-Nutzung zusätzlichen Anschub gab. Die rechtzeitige Weichenstellung für die Ansiedlung von Unternehmen und Forschungseinrichtungen Anfang der 2000er Jahre zahlt sich längst aus: Allein in Bremerhaven entstanden mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze. Auch in Bremen entstehen Schritt für Schritt neue Arbeitsplätze, nicht zuletzt wegen des neu geschlossenen Joint Ventures BELUGA HOCHTIEF Offshore GmbH & Co. KG. Diese innovative Kooperation zwischen der Hochtief Construction AG und der Bremer Projekt- und Schwergutreederei Beluga Shipping GmbH ist 2009 mit dem Ziel aufgestellt worden, neue Spezial-Errichterschiffe mit je vier ausfahrbaren Hubbeinen und einem 1500-Tonnen-Kran als Serientyp zu entwickeln und bauen zu lassen, die riesige Offshore-Windkraftanlagen von fünf und mehr Megawatt Leistung autark laden, transportieren, vor Ort installieren und warten. Die hierfür benötigten Spezialisten werden unter anderem in der Beluga Offshore Training Academy auf dem Maritimen Campus Elsfleth ausgebildet, das als Public Private Partnership Project auch auf die Unterstützung der Beluga Shipping GmbH bauen kann.

Offshore-Windenergie ist das Stichwort, das in Deutschland nicht nur Fachleute, sondern auch immer mehr Laien aufhorchen lässt. In den kommenden Jahren sollen in der Deutschen Bucht fernab und außer Sichtweite von der Küste Tausende von Windrädern aufgestellt werden. Die ersten zwölf Prototypen drehen sich bereits 45 Kilometer nördlich von Borkum; noch in diesem Herbst soll mit dem Bau des ersten kommerziellen Windparks begonnen werden.

Rasante Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren

Für die Montage der Windgiganten auf hoher See ist viel Know-How und ausgeklügelte Technik notwendig. Foto: alpha ventus
Für die Montage der Windgiganten auf hoher See ist viel Know-How und ausgeklügelte Technik notwendig. Foto: alpha ventus

Die rund 160 Meter hohen Windräder markieren den gewaltigen Entwicklungssprung, den die Technologie binnen weniger Jahre vollzogen hat. Noch vor zehn Jahren betrug die maximale Leistung einer Windenergieanlage (WEA) 1,5 Megawatt, was zur Versorgung von rund 1.000 Haushalten reichte. Heute liefern die WEA der jüngsten Generation 6 Megawatt. Alle Anlagen wurden in Deutschland entwickelt, die hiesigen Unternehmen haben damit im internationalen Vergleich die Nase deutlich vorn. Und: Die Ingenieure der führenden Hersteller sind sich sicher, binnen weniger Monate auch die Sechseinhalb-Megawatt-Grenze überschreiten zu können.

Derartige Leistungssteigerungen sind die Konsequenz aus konzentrierter Forschung und Entwicklung, zu der sich rund 150 öffentliche Institutionen und private Unternehmen im Nordwesten im virtuellen Kompetenzzentrum "germanwind" zusammengeschlossen haben. Ähnlich breit aufgestellt ist auch die "Windenergie-Agentur Bremerhaven-Bremen", in der die mehr als 220 Mitgliedsfirmen durch einen intensiven Informationsaustausch und die Definition von Aufgaben und Herausforderungen maßgeblich die Spitzenstellung des Nordwestens in der Windindustrie geformt haben.

Forschung arbeitet mit der Industrie Hand in Hand

Der nationale Windenergieforschungsverbund aus der fk-wind:Institut für Windenergie der Hochschule Bremerhaven, dem Fraunhofer IWES und dem Zentrum für Windenergieforschung der Universitäten Bremen, Oldenburg und Hannover, private Ingenieurbüros wie die Deutsche Windguard als Betreiber des weltweit einzigen Spezial-Windkanals zur Erprobung von Windrädern sowie fachspezifische Lehrstühle und Institute an Hochschulen und Universitäten der Region arbeiten Hand in Hand mit der Industrie.

Das Ziel ist klar: "Nur wenn Forschung und Industrie konstruktiv zusammenarbeiten, entstehen Windenergieanlagen, die Strom zu ähnlichen Kosten wie konventionelle Erzeuger produzieren", sagt Prof. Henry Seifert, Leiter der fk-wind: und Hochschullehrer im Masterstudiengang Windenergietechnik an der Hochschule Bremerhaven. Die deutsche Bundesregierung hat die Bedeutung des Themas erkannt und 2010 zum "Wissenschaftsjahr der Energie" ausgerufen. "Wir müssen jetzt handeln; der Umgang mit unseren Ressourcen geht uns alle an. Wissenschaft und Forschung haben gute Lösungen für die Energieversorgung", ist Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan überzeugt.

Kostengünstige Stromversorgung für ärmere Länder

Der zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsschub kommt aber nicht nur dem Standort Deutschland zugute. Wirtschaft und Wissenschaft haben neben dem Offshore-Einsatz der Windkraft vor allem die Land-Nutzung in aller Welt im Auge. Der Hintergrund: Windkraftanlagen sind nicht nur eine klima- und umweltfreundliche Alternative zur Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. Sie sind auch eine kostengünstige Stromquelle und erlauben zudem eine dezentrale Versorgung weitläufiger Regionen wie in Asien oder Afrika, ohne dass dafür kostenintensive Netze und Infrastrukturen geschaffen werden müssen.

Vor diesem Hintergrund beflügelt die Windkraft inzwischen sogar die Hafenwirtschaft und damit eines der traditionellen ökonomischen Standbeine der Nordwestregion. Derzeit wird in Bremerhaven der Bau eines Spezialhafens für das Verschiffen der Windkraftanlagen geplant.

5.928 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer