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Turmzimmer mit Aussicht

Der Rote Sand, Deutschlands wohl bekanntester Leuchtturm, wird 125 Jahre alt. Der Turm steht seit 1982 unter Denkmalschutz
Der Rote Sand, Deutschlands wohl bekanntester Leuchtturm, wird 125 Jahre alt. Der Turm steht seit 1982 unter Denkmalschutz. Foto: Deutsche Stiftun Denkmalschutz

Exklusiver Urlaub der spartanischen Art: Das erleben Wagemutige auf dem Leuchtturm Roter Sand. Das Kulturdenkmal vor der Wesermündung gilt als erstes Offshore-Bauwerk vor der deutschen Küste und wird am 1. November 125 Jahre alt.

Deutschlands einsamstes Hotel bereitet sich auf die nächste Saison vor. Seit Ende September die letzten Gäste das Haus verließen, sind in dem rot-weiß geringelten Bauwerk nur noch Wellenrauschen und Möwengeschrei zu hören – denn die beiden Gästezimmer mit jeweils einem Dreistock-Bett befinden sich in der Deutschen Bucht, auf dem Leuchtfeuer Roter Sand. "Der Leuchtturm ist wohl das bekannteste Baudenkmal, das wir in Deutschland haben", sagt Professor Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die das Gebäude verwaltet.

52 zahlende Gäste haben in diesem Jahr bis Saisonende im September auf dem Turm übernachtet, weitere 237 Personen kamen für einen Tag. Für den einzigartigen Blick über die Nordsee nahmen sie einiges in Kauf – schließlich geht es nur per Schiff zu dem Leuchtturm, der 1885 mit einem für die damalige Zeit sensationellen technischen Aufwand errichtet wurde. Gut 50 Kilometer lang ist die Anreise. Rund dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem Schlepper "Goliath", für sich schon eine Sehenswürdigkeit. Schließlich wurde das schwimmende Kraftpaket vor 60 Jahren gebaut und wird nun von Traditionsschiff-Enthusiasten der Bremerhavener Schifffahrts-Compagnie unterhalten.

"Bei allzu hohen Wellen kommen wir da nicht rauf", sagt Tanja Albert, die in der BIS Bremerhaven Touristik die Ausflugsfahrten und Übernachtungen auf dem Turm koordiniert. Immerhin müssen die Besucher über eine sechs Meter hohe Leiter vom schwankenden Schiff auf den sicheren Turm kraxeln: "Unsere Gäste kann das nicht schrecken, denn zumeist sind sie richtige Leuchtturmfans", meint Albert. Ab Anfang November stehen die Übernachtungstermine für das kommende Jahr fest und im Internet. "Binnen weniger Wochen sind wir dann ausgebucht."

Das Seezeichen schlechthin

Die Begeisterung, die der Leuchtturm Roter Sand auslöst, hat ihren Grund. Er gilt als Sinnbild eines Seezeichens schlechthin, kein maritim angehauchter Vorgarten tief im Binnenland, keine Fischbratküche in Bayern oder Westfalen kommt ohne eine maßstabsgerechte Nachbildung des Turmes aus. Auch die Deutsche Post hat ihn mit einer Sonderbriefmarke unvergesslich gemacht.

Faszinierend war der Bau schon zu seiner Einweihung vor 125 Jahren. Ein "geniales Bauwerk" sei der Turm, schwärmte das Schifffahrtsmagazin "Hansa": "fest in der stürmenden Flut und tosenden Brandung, mit der die See aus dem Nordmeer geschwollenen Kamms im Wogensturm gegen seinen Bau rast". Es scheine, "als hätte die See hier ihren Meister gefunden".

Vier Jahre lang hatten Ingenieure und Handwerker an dem stählernen Koloss gearbeitet. Erst im zweiten Anlauf war es überhaupt gelungen, das vorgefertigte stählerne Fundament des Turms draußen vor der Außenweser zu verankern; unter unsäglichen Bedingungen und stets dem rauen Nordseewetter mit kräftigem Regen und Sturm trotzend, nieteten Dutzende Arbeiter dann den Turm. Es war das Jahr des maritimen Aufbruchs in Deutschland, als der Rote Sand erstmals mit seinem Feuer Schiffen den sicheren Weg in die Weser wies. Mit der "Glückauf" stach seinerzeit von Bremen aus der erste Tanker der Welt in See; zugleich begann mit der Indienststellung des ersten deutschen Fischdampfers "Sagitta" die hohe Zeit der deutschen Hochseefischerei, die immerhin bis zum Ende des 20. Jahrhunderts anhielt.

Allerdings: Bereits Mitte der 1950er Jahre schienen die Tage des Leuchtturms gezählt. Schwere Schäden am Unterwasserbauwerk veranlassten die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, gleich nebenan das Leuchtfeuer "Alte Weser" zu errichten, das ab 1964 die Funktion des alten Turms übernahm. In der Folgezeit wurde viel über das weitere Schicksal des Leuchtturms nachgedacht: demontieren und an Land wieder aufbauen war eine der Überlegungen; einfach abreißen schien vielen die kostengünstigste Variante.

Glücklicherweise konnten sich die Freunde des Turms, der da schon Kultcharakter hatte, durchsetzen und die Bremische Bürgerschaft zu dem einstimmigen Beschluss bewegen, den Turm zu erhalten. 1982 wurde er unter Denkmalschutz gestellt; drei Jahre später entwickelten Experten ein ungewöhnliches Konzept, die Standsicherheit des schwankenden Riesen wieder herzustellen: Im September 1987 wurde dem Turm ein stählerner Ring übergestülpt, der das alte Fundament seither umfasst und gegen die schleichende Erosion sichert.

Die technische Meisterleistung war die Grundlage, dem Denkmal eine neue Zukunft zu geben. Der Stiftung Denkmalschutz ging es schließlich nicht nur um den Erhalt des Bauwerks, sondern auch darum, es weiter der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wer genau die Idee zum einsamen Hotel auf hoher See hatte, ist nicht mehr überliefert. Wohl aber, dass der Plan schnell begeisterte Freunde fand.

Romantik pur

Ein Highlight für Leuchtturm-Fans: Nach dreieinhalb Stunden Fahrt werden Besucher mit einem faszinierenden Blick von der Galerie des Roten Sand belohnt.
Ein Highlight für Leuchtturm-Fans: Nach dreieinhalb Stunden Fahrt werden Besucher mit einem faszinierenden Blick von der Galerie des Roten Sand belohnt. Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Das Hotel im Meer ist zwar exklusiv, aber wie die steile Leiter als Zugang an Stelle einer repräsentativen Auffahrt erwarten lässt, alles andere als komfortabel. Eine einfache "Nasszelle" im Eingang, die beiden "Gästezimmer" ein Stockwerk darüber, schließlich Küche und Aufenthaltsraum unterhalb der Glaskuppel des Leuchtfeuers: Im Inneren wurde der Leuchtturm originalgetreu restauriert. Die spartanische Einrichtung ist noch so wie 1964, als der letzte Leuchtturmwärter seinen Arbeitsplatz verließ. Außer dem Meeresrauschen ist nichts zu hören; dafür findet das Auge beim Blick aus dem ehemaligen Lampenraum kaum Ruhe. In der Abenddämmerung blitzen die anderen Leuchtfeuer an der Küste auf, wie an einer Perlenkette aufgereiht ziehen die Lichter der vorüberfahrenden Schiffe vorbei. Romantik pur.

So wie heute die Gäste bekamen früher Seeleute feuchte Augen beim Anblick des Turms. Er signalisierte die Rückkehr in die Heimat und hatte eine Bedeutung wie vielleicht noch die Freiheitsstatue vor New York. Auch für die Stiftung Denkmalschutz ist der Rote Sand ein Symbol: Mit der Restaurierung des Turms nahm sie 1985 ihre Arbeit auf, inzwischen betreut sie weit mehr als 1.000 Objekte in ganz Deutschland.

Anders als "normale" Baudenkmäler erfordert der Leuchtturm Roter Sand aber alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen, wie sie nur auf hoher See notwendig sind. Feuermelder und Feuerlöscher mögen ja noch normal sein, Schwimmwesten und Seenot-Telefon gibt es aber nur hier. Allabendlich müssen sich die "Hotelgäste" pünktlich bei der Seenotleitstelle in Bremen melden und verkünden: "Hier ist Leuchtturm Roter Sand, alle Gäste wohlauf." Schließlich sind nach dem Ablegen der "Goliath" in dem Turm bis zu sechs Personen für 24 bis 48 Stunden völlig auf sich gestellt.

Immerhin verfügen sie über ausreichend Lebensmittel, auch wenn Alkohol- und Rauchverbot herrschen. Für alle Fälle gibt es zusätzlich eine Notration: Vor wenigen Jahren Jahr musste eine Gruppe wegen schlechten Wetters 14 Tage ausharren, bis sie wieder abgeholt werden konnte. "Schade, dass wir zurück müssen", ist im Leuchtturm-Tagebuch notiert.

Mehr unter www.bremerhaven.de

7.119 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakte:

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Dr. Ursula Schirmer

E-Mail: schirmer[at]denkmalschutz.de

BIS Bremerhaven

Volker Kölling

E-Mail: koelling[at]bis-bremerhaven.de