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25.000 Quadratmeter für die Kunst

Künstler Kinky Texas nutzt die großzügigen Dimensionen des Güterbahnhofs, um in seinem Atelier großformatige Bilder auf die Leinwand zu bringen.
Künstler Kinky Texas nutzt die großzügigen Dimensionen des Güterbahnhofs, um in seinem Atelier großformatige Bilder auf die Leinwand zu bringen. Foto: Jörg Sarbach

Der ehemalige Güterbahnhof in Bremen ist Deutschlands wohl größte „Brutstätte“ für Kultur-Projekte.

Free-Climbing an bunten Plastik-Felsvorsprüngen über dicken, gepolsterten Matten in einer allen Bahnhofshalle: Möglich macht‘s seit Anfang 2010 das "Boulder Paradies Linie 7" im alten Bremer Güterbahnhof hinter dem Hauptbahnhof. Dirk Busse, der Initiator des Kletterparadieses, bietet hier auch therapeutisches Klettern für Kinder und Jugendliche an.

Ein Vorzeigeprojekt ganz nach dem Geschmack von Thomas Hartmann und Stefan Jeep. Seit Januar 2009 sind sie für das Management, die Projektplanung und die Vermietung des weitverzweigten Güterbahnhofgeländes zuständig. Gemeinsam mit Udo Steinmann bilden sie den Vorstand des "Vereins 23 zur Förderung intermedialen Kulturaustausches e.V.", der Generalmieter des Riesen-Areals von rund 25.000 Quadratmetern ist und damit von jeder Menge Platz für die Realisierung künstlerischer Projekte und Ambitionen.

Von Trommelschule bis Tonstudio

Das Boulder Centrum Bremen ist eines der jüngsten davon. Bei Dirk Busse gibt es nicht nur im wahrsten Wortsinn Kunst zum Begreifen, er hat auch den Sanitärbereich aus- und ein lichtes Café in die von ihm angemieteten, ehemaligen Lagerschuppen eingebaut. Auf der gegenüberliegenden Seite des U-förmigen Areals befinden sich neben zahlreichen Künstlerateliers eine Trommelschule und ein Flamenco-Studio. In unmittelbarer Nachbarschaft residierte bis Mitte September 2009 neun Jahre lang das Junge Theater. Auch ein Tonstudio gibt es, zahlreiche Bands haben hier ihre Proberäume. "Sie wollen über uns berichten? Das ist ja toll!", freut sich ein Musiker mit langen, blonden Haaren, denn das Geld für Deutschlands wohl größtes Kulturprojekt ist notorisch knapp.

Es begann vor mehr als zehn Jahren: 1997 wurde zunächst das Künstlerhaus Güterbahnhof aus der Taufe gehoben. Mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler in rund 80 Ateliers haben sich hier inzwischen angesiedelt. So ist ein einmaliges Zentrum freischaffender und unabhängiger Künstlerinnen und Künstler entstanden – sie betreiben Bildhauerei, Maschinenkunst, Film, Video- und andere Medienkunst, Malerei, Architektur, Druckgrafik, Mode, Goldschmiedearbeiten, Möbel- und Grafik-Design, Fotografie, Performance und Musik.

Seit den Anfangstagen gehört die Galerie Herold zum Urgestein des weitläufigen Areals. Die Ausstellungen werden von einer Gruppe ehrenamtlich tätiger Künstlerinnen und Künstler organisiert. Von Beginn an war die Galerie aber nicht nur "hauseigenen" Künstlern vorbehalten, sie bietet auch Kunstschaffenden aus den USA, Israel, Island, Frankreich und England die Möglichkeit, ihre Arbeiten in der Hansestadt auszustellen. Außerdem haben hier viele Studierende und Absolventen der Bremer Hochschule für Künste ihre erste Einzelausstellung, aber auch bereits etablierte Bremer Kunstschaffende verwirklichten schon viele ambitionierte Projekte.

Planungssicherheit erreicht

Die Mischung macht's: Die Vereinsvorstände Thomas Hartmann (l.) und Stefan Jeep managen da Güterbahnhofsgelände.
"Die Mischung macht's": Die Vereinsvorstände Thomas Hartmann (l.) und Stefan Jeep managen da Güterbahnhofsgelände. Foto: Jörg Sarbach

"Die Mischung macht's", davon sind Thomas Hartmann, der auf dem Gelände unter anderem sein eigenes Schallplatten-Label betreibt, und der Video- und Rauminstallations-Künstler Stefan Jeep überzeugt. Beide verstehen sich ausdrücklich nicht als Immobilienmakler – weder für das Künstlerhaus noch das Gesamtareal. "Die Mietfläche einfach an den Meistbietenden zu vergeben, das wäre zu einfach. Wir wollen auch Nachwuchskünstlern und Studien-Absolventen eine Chance geben. Die Umsetzung eines spannenden Konzepts soll nicht am Mietpreis scheitern", unterstreichen sie. Wie das Boulder-Paradies Linie 7 sind die ansässigen Kunstschaffenden im Übrigen vermehrt dazu bereit, bei der Gestaltung ihrer Atelierräume selbst Hand anzulegen und zu investieren. Denn seit Anfang 2009 ist durch einen langfristigen Vertrag mit der Stadt endlich die lang ersehnte Planungssicherheit über mehrere Jahre gegeben. Dieser Vertrag mit der Stadt Bremen läuft zunächst über fünf Jahre, mit der Option auf eine Verlängerung um weitere drei.

Die Vermietung und die Verwaltung des Riesen-Geländes sind ein Balance-Akt, das wird beim schier endlosen Blick über die Dächer der Gleishallen klar, die teilweise in einem doch ziemlich maroden Zustand sind. "Wir müssen mit der Miete genügend Geld erwirtschaften, um damit die nicht unerheblichen Versicherungskosten zu decken und gleichzeitig etwas für Reparaturen und den Einbau von Heizungen und Toiletten zurückzulegen", sagen die beiden Vorstandsmitglieder.

Gut nur, dass schon seit 1997 das Kulturressort des Bremer Senats immer wieder entscheidende Hilfestellung leistete, indem es Know-how und Projektfördermittel zur Verfügung stellte. Miete zahlen darüber hinaus verschiedene kulturelle Institutionen, die die Hallen des Güterbahnhofs als Lager und Probestätten nutzen, wie die Bremer Shakespeare Company, die Initiative Bremer Karneval oder auch das Überseemuseum und die Hochschule für Künste. Und: 2008 entstand in vorher brachliegenden Hallen und dem ehemaligen Verwaltungsgebäude einer Spedition auf 1.400 Quadratmetern ein Veranstaltungs- und Ausstellungsort als Laboratorium und kulturelles Versuchsfeld für zeitgenössische Kunst. Keine Frage: Der Güterbahnhof ist eben eine Brutstätte für Kultur par excellence.

Mehr unter www.ga-art.com

5.224 Zeichen, Autorin: Sigrid Schuer

Pressekontakte:

Verein 23 zur Förderung intermedialen Kulturaustausches e.V.

Thomas Hartmann/Stefan Jeep

E-Mail: thomas.hartmann[at]ga-art.de; jeep[at]ga-art.de