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"Wie im Urlaub"

Neues Leben im alten Hafenquartier: Dienstleistung und Gewerbe, Wohnen und Freizeit finden in der Bremer Überseestadt viel Platz. Foto: Justus Grosse
Neues Leben im alten Hafenquartier: Dienstleistung und Gewerbe, Wohnen und Freizeit finden in der Bremer Überseestadt viel Platz. Foto: Justus Grosse

Wohnen in den alten Stadthafenquartieren: Seit letztem Jahr sind die ersten Neubürger in Bremens jüngsten Stadtteil gezogen. Was sie eint, ist die Begeisterung über den Blick aus dem Wohnzimmerfenster.

In der Tat – man kann die Augen kaum abwenden. Vom Landmark-Tower aus schweift der Blick großzügig über die Weser und die Stadt Bremen hin. Es ist Anfang März. Manche Büsche im Weseruferpark im Bremer Stadtteil Rablinghausen gegenüber auf der anderen Weserseite zeigen zaghaft den ersten grünen Flaum. Möwen schweben auf Augenhöhe vorbei und lugen vorwitzig durch die Panoramascheiben. Eine frische Brise kräuselt das Wasser. Ein Binnenkahn zieht vorbei. Richtung Südosten streckt sich das schlanke Becken des Europa-Hafens und gar nicht so weit dahinter erahnt man im Dunst die Zwillingstüme des Bremer Doms.

"In den ersten Wochen haben wir nur rausgeguckt", sagt Helmut Landsiedel. Couch und Sessel stehen zur eindrucksvollen Fensterseite hin gedreht. Seine Partnerin Gerda Schumacher und er waren im Oktober 2010 die ersten Mieter, die in eine der 53 Wohnungen des 20-stöckigen Tower eingezogen sind. Dafür haben sie sogar ihr Häuschen im grünen Bremer Stadtteil St. Magnus aufgegeben. "Wir haben schon wildfremde Leute mit hierher genommen – nur um ihnen den Blick zu zeigen", sagt Landsiedel. "Es ist wie im Urlaub!"

100 Hektar Entwicklungsfläche

Im Rekordtempo entwickelt sich Europas größte Stadt-Baustelle zu einem begehrten Wohnquartier direkt am Strom der Weser und an ehemaligen Hafenbecken. Das Areal unter dem heutigen Namen "Überseestadt" umfasst eine Fläche von 288 Hektar, von denen rund 100 den Grund und Boden für eine neue Nutzung liefern – für Büros und Läden, Wohnraum und Museen, öffentliche Einrichtungen und Werkstätten. Der Rest bleibt bei den angestammten Betrieben im Quartier.

Eben erst wurde das Jubiläum "Zehn Jahre Überseestadt" begangen. "Dabei müsste es eigentlich 'Zehn Jahre Masterplan der Überseestadt' heißen, denn gebaut wird erst seit fünf Jahren", sagt Clemens Paul, geschäftsführender Gesellschafter des Bauträgers hier am Weserufer, der Firma Justus Grosse. Insgesamt hat Justus Grosse nur hier 110 Millionen Euro investiert.

Nach Angaben des Bauträgers gehen die Wohnungen weg wie geschnitten Brot. Der Landmark-Tower ist komplett vermietet, das geplante Apartmenthaus "Kristall" gleich in der Nachbarschaft hatte schon vier Wohnungskäufer angelockt, bevor der erste Spatenstich für die 27 Wohnungen getan ist, und auch die Eigentumswohnungen der sogenannten Flusshäuser auf der anderen Seite des Tower sind längst komplett verkauft, heißt es bei Justus Grosse. Knapp 190.000 Euro muss man anlegen, um eine der Eigentumswohnungen zu erwerben.

"Wir sind hier die Pioniere", sagt denn auch das Ehepaar Böhner. Es hat sich nur wenige Meter entfernt vom Landmark-Tower in einem der beiden Flusshäuser eine Eigentumswohnung zugelegt. Auch hier ein atemberaubender Blick aufs Wasser. Die Böhners sind nur ein paar Kilometer weiter gezogen, um sich ihren Traum vom Leben am Fluss zu erfüllen. "Wir stammen aus dem Stadtteil Gröpelingen", sagt Angela Böhner, "gar nicht weit von hier. Dort haben wir unser Haus verkauft und sind hierher gezogen."

Supermarkt und "Italiener"

In den ersten Wochen nur rausgeschaut: Helmut Landsiedel und Gerda Schumacher auf ihrem Balkon hoch oben im Landmark Tower in der Überseestadt. Foto: Focke Strangmann
In den ersten Wochen nur rausgeschaut: Helmut Landsiedel und Gerda Schumacher auf ihrem Balkon hoch oben im Landmark Tower in der Überseestadt. Foto: Focke Strangmann

Das Haus ist seniorengerecht mit breiten Türen und Fahrstuhl ausgestattet. Hier kann man bleiben, meinen die Böhners. "Es war mutig von uns, hierher zu kommen", sagt Angela Böhner im Rückblick, "und es hat sich gelohnt." Die erste Bäckerei, der erste "Italiener", der erste Supermarkt – den Neubürgern folgt die Grundversorgung auf dem Fuße. Einzig bei der Verbindung zur Innenstadt wünscht sich das Paar noch Verbesserungen.

Doch dazu gibt es bereits konkrete Pläne: Eine Buslinie und eine Straßenbahnlinie verbinden das neue Quartier schon heute mit der City. In absehbarer Zeit soll eine weitere Buslinie bis vor die Tür fahren und auch die Straßenbahn soll weiter ausgebaut werden. "Straßenbahnen kosten allerdings eine Menge Geld und lohnen sich erst bei vielen Fahrgästen", sagt Jons Abel von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. "So weit sind wir im hinteren Bereich der Überseestadt noch nicht." Auf lange Sicht aber werde es keine Alternative zur Straßenbahn geben, glaubt er.

Zumindest was den öffentlichen Nahverkehr angeht – das Projekt "Autoloft" hat eine andere Antwort auf das Thema Anbindung an die Innenstadt. Früher war der Schuppen 1 mit 400 Metern Länge und 50 Metern Breite der größte Stückgut-Umschlagsplatz im Bremer Hafen. Derzeit wird daraus ein Ort, an dem die Wohnungsbesitzer mit dem Auto quasi direkt ins Wohnzimmer fahren. "Wir haben aber keinen Exklusivitätstick", erklärt Projektleiter Daniel Hornung vom Bauträger Klaus Johann Hornung. Bei der Planung habe man aber gemerkt, dass Parkplätze nur 200 Meter weit weg zur Verfügung stünden. "Da mussten wir uns etwas einfallen lassen."

So werden Bewohner also, wenn das Gebäude bezugsfertig ist, mit dem Auto in einen Aufzug fahren und hinaufgleiten in dem denkmalgeschützten Gebäude auf die Ebene der Wohnungen im ersten Stock und dort über einen Boulevard bequem zu ihren Appartements rollen. Im Sommer 2012 sollen die ersten Menschen (und ihre Autos) einziehen können.

Auch weitere Projekte sollen dann schon der Vollendung entgegensehen. "Green Living" westlich von Schuppen 3 am alten Europahafen zum Beispiel, von dem bislang nur der Bauplatz zu sehen ist. Justus Grosse will hier 60 Eigentumswohnungen nach den modernsten ökologischen Standards errichten. Nicht weit vom Landmark-Tower wiederum schafft die Entwicklungsgesellschaft Hafenkante Platz unter anderem für Büros, Gastronomie, Gewerberäume und 100 Mietwohnungen.

Auf gute Nachbarschaft mit der Industrie

Ein Idyll wird und soll das Wohnquartier nie werden. Nicht nur, weil noch manche Baugrube zu sehen ist, an Rohbauten noch die Plastikplanen flattern und sich im neuen Viertel gewissermaßen der Duft von Farbe, Lack und neuen Böden noch nicht ganz verflüchtigt hat. Sondern auch, weil im Quartier sehr verschiedene Interessen miteinander auskommen müssen. In der Überseestadt hat man gewagt, was man an anderer Stelle scheute – die Nachbarschaft von Wohnungen und Büros auf der einen Seite und der traditionellen Hafenindustrie auf der anderen.

"§Es ging nicht anders", erklärt Jons Abel. "Die Industrie ist hier und bleibt hier." Allerdings fürchteten die ansässigen Betriebe Klagen der Neubürger über Lärm oder Emissionen. Ein Unternehmen zog vor Gericht, um im Vorfeld ein für allemal Ärger auszuschließen. Schließlich einigten sich Bauträger und Betriebe. So lange die Betriebe die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten, verpflichten sich die Bewohner des Quartiers, auf Klagen zu verzichten. Das legt eine Eintragung im Grundbuch fest.

Die Lösung dürfte den Frieden erhalten zwischen Bauherren und Gewerbe – das ist auch nötig. Denn Flächen für Wohnbebauung gehen dem Mammutprojekt Überseestadt auch in den nächsten Jahren nicht aus. So warten die Flächenpotenziale nördlich des Hilde-Adolf-Parks und am Europahafen auf die Ausschreibungen. "Wir sorgen für die öffentliche Infrastruktur", sagt Jons Abel, "den Rest machen die Bauträger." Ein Teilbereich des großen Geländes am Hilde-Adolf-Park soll 2012 ausgeschrieben werden, sofern bis dahin das Baurecht geschaffen ist.

Wenn alles glatt läuft, werden auch Helmut Landsiedel und Gerda Schumacher durch ihre Panoramafenster bald einiges Neues entdecken. Landsiedel deutet hinunter zur Uferpromenade. Im Mai wird dort die neue Marina für Sportboote und Fahrgastschiffe eröffnet. Ab 2012 soll hier auch der "Weserbus" festmachen, eine Fähre zwischen Bremen-Vegesack im Norden und der Bremer Innenstadt. "Dann", freut sich Helmut Landsiedel, "kann ich mit dem Schiff zum Weserstadion fahren."

Mehr unter www.ueberseestadt.de

7.736 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Wirtschaftsförderung Bremen

Nadja Niestädt

E-Mail: nadja.niestaedt[at]wfb-bremen.de