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Der Bürger-Garten

Alles erscheint wie Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt: Sichtachsen und Wegebeziehungen, Solitärbäume und Gehölzgruppen - im Bürgerpark ist alles genau geplant. Foto: Michael Bahlo
"Alles erscheint wie Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt": Sichtachsen und Wegebeziehungen, Solitärbäume und Gehölzgruppen - im Bürgerpark ist alles genau geplant. Foto: Michael Bahlo

Der Bremer Bürgerpark sucht seinesgleichen, denn das Gartendenkmal von bundesweitem Rang lebt von privatem Engagement – auch für viele seiner nicht-pflanzlichen Accessoires. Ausflüge in den Bürgersinn.

Es geht geschäftig zu in den Hallen der BBV Bremer Bootsbau Vegesack, einem öffentlichen Aus- und Weiterbildungsträger auf dem Gelände der früheren Bremer Vulkan-Werft. Konzentriert hobeln Lutz Lieder, Sebastian Laarz und einige andere Männer und Frauen die Innenwände des Bootes glatt, das sie gerade in Arbeit haben. 12,5 Meter ist es lang und 2,5 Meter breit und es heißt "MS Marie". Das Boot ist ganz aus Holz und Handarbeit. Den Arbeitenden soll es als Ausweis ihrer Handwerkskunst einmal zu einer festen Anstellung verhelfen. Für die Besucher des Bürgerparks lebt damit eine alte Tradition wieder auf.

"Marie": So hieß ein Boot, mit dem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Skipper mit Besuchern über die Wasserwege des Parks tuckerte. Gebaut von der heute im Yachtbau tätigen Bremer Lürssen-Werft, hatte es einen für die damalige Zeit modernen Petroleummotor und war aus Mahagoni. "Sehr viel mehr konkrete Details sind nicht bekannt", sagt Bootsbaumeister Karl Causin, der die Arbeit anleitet.

Bei der BBV wird das Boot heute im Wesentlichen aus Lärchenholz – nur die Außenhaut ist aus Mahagoni – nachgebaut, besser: nachempfunden. Denn nicht nur das Holz ist ein anderes. Auch ist die neue "Marie" anders als das Original nicht Planke-an-Planke geleimt – also, wie Fachleute sagen, "kraweelgeplankt" –, sondern besteht aus vier gegeneinander abgeschotteten, verleimten Schichten. Zudem wird das Boot der Haltbarkeit wegen einen Kunststoffkiel bekommen und der Umwelt zuliebe einen Elektromotor.

Im Frühjahr 2012 soll die "Marie" zu Wasser gelassen werden. Fertig sein muss dann auch, was zum Bootsbetrieb dazu gehört: "Die Anleger und das Bootshaus für den Winter", sagt Bürgerparkdirektor Werner Damke. Was diese baulichen Notwendigkeiten kosten werden, ist noch nicht ganz klar. Eins weiß Damke aber sicher: Dafür muss er privates Geld aufbringen. Wie für praktisch alles, was mit der Arbeit im Bürgerpark zusammenhängt. Und wie es vom Anbeginn des Parks Tradition ist.

Ein sagenhaftes Geschenk

Auf der MS Marie schipperten Bürgerpark-Besucher schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Mitarbeiter des Bremer Bootsbau Vegesack bauen sie nach. Foto: BBV Bremer Bootsbau Vegesack
Auf der "MS Marie" schipperten Bürgerpark-Besucher schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Mitarbeiter des Bremer Bootsbau Vegesack bauen sie nach. Foto: BBV Bremer Bootsbau Vegesack

Schon dieser Anfang begann mit einem Geschenk. Der Sage nach überließ Gräfin Emma von Lesum 1032 den Bürgern das Gelände hinter dem heutigen Bahnhof als Weide für ihr Vieh. Und zwar genau die Fläche, die ein Krüppel an einem Tag umrunden konnte. Die Gräfin half dabei aber zugunsten der Bremer nach: Sie heilte den Kranken durch Handauflegen.

Auf diese Bürgerweide fiel der Blick der 38 Bremer Honoratioren, die 1865 im Ratskeller zusammenkamen, um über die Idee eines großen Volksparks für die Bremer zu sprechen. Bald gründete sich der "Verein zur Bewaldung der Bürgerweide", sammelte Geld und verpflichtete den Landschaftsgärtner Wilhelm Benque. Am 28. Juni 1866 um 6 Uhr morgens machten sich die ersten 170 Arbeiter unter seiner Leitung ans Werk. Bald waren die ersten Tausend Rotbuchen, Eichen, Lärchen, Rotfichten eingegraben.

Nach weiteren 20 Jahren hatten die Gärtner die von Benque geplanten 136 Hektar fertig bepflanzt. Schon damals war der etwa 190 Fußballfelder große Park aber mehr als nur ein Park: Ein Tiergehege gab es schon ebenso wie einen Spielplatz, Boote, um auf ihnen über die Wasserläufe des Parks zu rudern, und viele hübsche größere und kleinere Gebäude. Mit dem angrenzenden Stadtwald kam 1906 dann noch einmal die Hälfte der Fläche hinzu, sodass Besucher auf 31,5 Kilometern Spazierwegen lustwandeln können.

Dabei wirkt das vor allem von Laubgehölzen bestandene Gelände oft wie Natur pur. Doch gerade der Bürgerpark ist nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten bis in praktisch jeden Winkel verplant: "Alles erscheint wie Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt", beschrieb ein Philosoph diesen Ansatz im 18. Jahrhundert. Die Gartengestaltung kreist dabei um Sicht- und Wegebeziehungen, um wie zufällig platzierte Solitärbäume und Gehölzgruppen.

Von Eichenhain und Buchendurchsicht

Der Eichenhain ist eine solche Gruppe. Ursprünglich sollen hier 105 Arten und Sorten gestanden haben, heute sind es nur noch mehr als 20 – "aber wohl mehr als irgendwo sonst in Deutschland", glaubt Werner Damke. Eindrucksvoll findet der 64-Jährige neben vielen anderen Naturschönheiten auch die sogenannte Buchendurchsicht: Mächtige Buchen, von denen viele so alt sind wie der Park, säumen eine lang gestreckte Wiese. "Im Frühling der frische Austrieb, im Sommer das kräftige Grün, die schöne Herbstfärbung – ich finde die heimische Buche wunderschön", sagt Damke, selbst von Hause aus Landschaftsarchitekt.

Diese Schönheit soll und muss erhalten werden – seit 1984 steht der Park unter Denkmalschutz und das verpflichtet zur Bewahrung des ursprünglichen Zustands. Damke hat dafür einen Stab von 30 festangestellten und bis zu zehn freien Mitarbeiter. Die meisten sind Gärtner, denn alljährlich müssen neben der ständigen Gartenpflege bis zu 150 ausgewachsene Bäume und noch bis zu 3.000 kleinere Bäume und Sträucher nachgepflanzt werden.

Zudem beschäftigt die Bürgerparkverwaltung zum Beispiel auch einen Tischler, einen Maler und einen Schlosser. Sie sanieren und pflegen die historischen Gebäude im Park, die Denkmäler und Skulpturen, die historischen Bänke mit ihren schmiedeeisernen Lehnen, die kunstvollen Brücken, die durchweg von Bremer Kaufleuten und anderen Mäzenen gespendet wurden.

Mehr als zwei Millionen Euro Kosten jährlich

Der Park macht viel Arbeit, die bezahlt sein will. Rund 2,2 Millionen Euro benötigt Damke jährlich – und bekommt es überwiegend von Bremerinnen und Bremern. Ganz wichtig sind Spenden und Erbschaften. Einen Teil steuern auch die Beiträge der knapp 3.000 Mitglieder im Bürgerparkverein bei, dankbar ist Damke auch für die regelmäßigen Einnahmen aus Toto- und Lottomitteln. Zudem ist es für Bremer praktisch Ehrensache, bei der alljährlichen Bürgerparktombola Lose zu kaufen, denn der Erlös kommt zum Gutteil der Arbeit am Park zugute. Anfang Mai wird Damke sicher wissen, wie viel er aus diesem Topf erhält. Unterdessen gehen die Arbeiten im Park weiter.

Im April begann die Entschlammung der Gewässer, damit "Marie" ab nächstem Frühjahr ungehindert ihre Bahnen ziehen kann. Unter den Fahrgästen wird dann auch mancher sein, der auf der Werft an dem Boot mitgebaut hat. Lutz Lieder zum Beispiel: Der 43-jährige will sich nach Abschluss seiner Umschulung selbstständig machen. Mit Bootsreparaturen, aber auch mit der Reparatur von Bauwagen wie dem, in dem er selber inmitten einer Bauwagenkolonie am Stadtrand von Bremen lebt. Den Bürgerpark kenne er natürlich, sagt er. "Aber nicht von der Wasserseite aus. Und eine Fahrt mit der ,Marie‘ werde ich mir nicht entgehen lassen."

Mehr unter www.buergerpark-bremen.de und www.bremer-bootsbau-vegesack.de

6.826 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakte:

Bürgerpark

Werner Damke

E-Mail: info[at]buergerpark-verein.de

BBV Bremer Bootsbau Vegesack

Sabine Rosenbaum

E-Mail: kontakt[at]bbv-mail.de