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Museum unterm Arm

Dr. Anne Thurmann-Jajes und Bettina Brach wachen über mehr als 10.000 Künstlerbücher in Europas größtem Studienzentrum für Künstlerbücher in der Bremer Weserburg. Foto: Thomas Joppig
Dr. Anne Thurmann-Jajes und Bettina Brach wachen über mehr als 10.000 Künstlerbücher in Europas größtem Studienzentrum für Künstlerbücher in der Bremer Weserburg. Foto: Thomas Joppig

Das Bremer Museum Weserburg, das in diesem Herbst 20 Jahre alt wird, beherbergt Europas größte Sammlung von Künstlerbüchern. Die Bände von Andy Warhol, Keith Haring, Joseph Beuys und vielen anderen bekannten, aber auch weniger bekannten Künstlern bergen Überraschendes.

Viele Künstler lieben es – das Spiel mit dem Unerwarteten. Ihre Kunstwerke sollen verblüffen, irritieren, amüsieren, neugierig oder nachdenklich machen. Und kaum ein Medium eignet sich dafür so gut wie das Buch, denn hinter jeder Seite kann sich eine neue Entdeckung verbergen. Dr. Anne Thurmann-Jajes und Bettina Brach aus dem Bremer Museum Weserburg wissen das nur zu gut – schließlich befindet sich im Haus das Studienzentrum für Künstlerpublikationen, Europas größte Sammlung von Büchern und anderen Veröffentlichungen bildender Künstler.

Rund 10.000 Bände stehen in den hölzernen Bücherregalen, viele davon hat das Museum als Schenkungen erhalten. Alles nur Papier? Keineswegs. Die Künstler haben die unterschiedlichsten Dinge in die Bücher eingearbeitet: Glasaugen und kleine Spiegel, Streichhölzer, Kaffeemehl und Teepulver, Filmstreifen und Selbstgestricktes, Kondome und Tabletten. "In den Büchern gibt es so ziemlich alles, was flach genug ist, um zwischen den Seiten Platz zu finden", sagt Thurmann-Jajes, die Leiterin des Studienzentrums.

Bastelanleitungen und Einbände aus Stahl

Auch die Form der Bücher ist mitunter höchst ungewöhnlich. Da gibt es schwere Bände mit Buchdeckeln aus Stahl oder solche, die vom Betrachter nach einer Art Bastelanleitung selbst herzustellen sind: Der Besitzer soll den Einband entfernen und dann alle Seiten vorsichtig zweimal nach innen falten – ist er damit fertig, sieht das Buch von oben betrachtet wie eine vielblättrige Blume aus.

Künstler wie Keith Haring oder Andy Warhol haben ihre Bände dagegen zum Teil nach einem Verfahren gestaltet, das man vor allem von Kinderbüchern kennt: Sie haben sogenannte Pop-up-Bücher entwickelt. Dank raffinierter Falttechnik formt sich das Papier beim Aufklappen der Seiten zu dreidimensionalen Objekten. In Keith Harings Buch "Luna Luna" etwa entsteht so ein leuchtend buntes Karussell, in Andy Warhols "Index (Book)" entfaltet sich eine Konservenbüchse zwischen den Schwarz-Weiß-Fotografien mit dem Konterfei einer eleganten Dame. Andere Künstler haben außergewöhnliche Daumenkinos erarbeitet – oder sich der Leporello-Technik bedient und so Bücher gestaltet, die sich auf mehrere Meter Länge auseinanderfalten lassen. Besonders bei der Darstellung von Straßenzügen ist das ein beliebtes Verfahren, weiß Thurmann-Jajes.

Als die Weserburg vor 20 Jahren gegründet wurde, war ihr Konzept europaweit einzigartig: Ein Museum entstand, in dem Privatsammlungen moderner Kunst präsentiert wurden. Publikationen von Künstlern wurden zum eigenen Sammlungsschwerpunkt. Das Studienzentrum, das von der Weserburg und der Universität Bremen betrieben wird, ging daraus 1999 hervor. Damals hatte das Museum für umgerechnet 767.000 Euro das umfangreiche Archiv des belgischen Kunstliebhabers Guy Schraenen angekauft. Insgesamt verfügt das Studienzentrum heute über mehr als 30 verschiedene Archive und Sammlungen mit weit über 100.000 Künstlerpublikationen aus aller Welt. Sie werden unter anderem im Forschungsverbund Künstlerpublikationen untersucht, der von Wissenschaftlern aus Bremer Hochschulen und dem Studienzentrum gegründet wurde.

"Kunstobjekt in Form eines Buches"

In den Künstlerbüchern findet der Betrachter viel Unerwartetes - in Keith Harings Luna Luna beispielsweise ein Karussel. Foto: Thomas Joppig
In den Künstlerbüchern findet der Betrachter viel Unerwartetes - in Keith Harings "Luna Luna" beispielsweise ein Karussel. Foto: Thomas Joppig

Neben Büchern sind auch Zeitungen und Zeitschriften, Plakate, Einladungskarten und Briefmarken darunter, Aufkleber, Klangkunst auf Schallplatten, Kassetten und CDs sowie Radioaufnahmen, Filme und Multimedia-Produktionen. Den meisten Platz nehmen jedoch die Bücher ein. Doch was genau unterscheidet eigentlich ein Künstlerbuch von einem herkömmlichen Buch? „Der ursprüngliche Zweck von Büchern, also die schriftliche Vermittlung von Informationen und Geschichten, rückt bei Künstlerbüchern in den Hintergrund“, erklärt Thurmann-Jajes. "Ein Künstlerbuch ist kein Buch über Kunst. Es ist ein Kunstobjekt in Form eines Buches."

Die ersten Künstlerbücher entstanden vor rund 50 Jahren. In den gesellschaftlichen Umbrüchen der 60er Jahre machten sich viele Künstler für ein weniger elitäres Verständnis von Kunst stark. Sie wollten "Kunst für alle" schaffen, jeder sollte sich ein Kunstwerk leisten können und das Medium Buch bot sich dafür an. "Die Entwicklung von Künstlerbüchern hat viel mit der Demokratisierung der Kunst zu tun", sagt Thurmann-Jajes. Zumindest in Industrieländern habe fast jeder Mensch im Alltag in irgendeiner Form mit Büchern zu tun und sie ließen sich vergleichsweise preisgünstig herstellen.

Was freilich nichts daran ändert, dass manche der Bücher, die einst für kleines Geld zu haben waren, heute begehrte Sammlerobjekte sind. "Die Preisspanne reicht von fünf Euro bis zu 40.000 Euro", sagt die 48-jährige Kunsthistorikerin. Spitzenpreise erzielen vor allem ältere Werke namhafter Künstler, die einst in kleiner Auflage gedruckt wurden. "Interessanterweise hat sich daran auch während der Wirtschaftskrise nichts geändert. Kunstsammler, denen andere Kunstobjekte plötzlich zu teuer waren, sind in dieser Zeit oft auf Künstlerbücher umgestiegen. Die Preise sind eher gestiegen als gesunken."

Anziehungspunkt für Studenten aus ganz Europa

So begehrt Künstlerbücher bei Privatsammlern sind, so schwierig ist es, sie in Ausstellungen einzubinden. Würde man sie einfach zum Blättern auslegen, wären die wertvollen Bände schnell abgegriffen und beschädigt. Doch wenn man sie aufgeklappt in den Vitrinen zeigt, bekommen die Besucher nur einen Bruchteil des Buches zu sehen. Im Museum Weserburg hat man sich deshalb für einen Mittelweg entschieden: Ausgewählte Bücher werden in den Ausstellungen hinter Glas gezeigt. Wer sich intensiver mit Künstlerbüchern beschäftigen will, kann das Studienzentrum besuchen und dort auch in wertvollen Bänden blättern. "Zu uns kommen zum Beispiel Studentengruppen aus ganz Deutschland, die sich hier vor Ort in Seminaren mit den Büchern beschäftigen", sagt Thurmann-Jajes. Studenten und Doktoranden aus ganz Europa ziehen sogar teilweise für ein paar Wochen nach Bremen, um die Künstlerbücher für ihre Master- oder Doktorarbeit nutzen zu können.

Dass die Beschäftigung mit diesen Arbeiten reizvoll ist, kann Bettina Brach, die Kuratorin im Studienzentrum, gut nachvollziehen. Die Kunsthistorikerin hat Anfang der 90er Jahre am damals gerade eröffneten Museum Weserburg ihre Magisterarbeit über Künstlerbücher geschrieben. Ähnlich wie ihre Chefin Anne Thurmann-Jajes ist sie bis heute von deren buchstäblicher Vielseitigkeit fasziniert: "Ein Künstlerbuch ist oft viel aussagekräftiger als ein Bild oder eine Skulptur. Es lässt meist ganz verschiedene Facetten des Künstlers und seiner Arbeit erkennen", sagt die 45-Jährige. "So ein Künstlerbuch ist wie ein Museum, das man unter den Arm nehmen kann."

Mehr unter www.weserburg.de

6.880 Zeichen, Autor Thomas Joppig

Pressekontakt:

Weserburg – Museum für moderne Kunst

Dr. Anne Thurmann-Jajes

E-Mail: thurmann-jajes[at]weserburg.de

Erstellungsdatum: 25.08.2011