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Kurzfassung: Auf der Spur der Rechenkünstler

Dr. Thorsten Fehr vom Zentrum für Kognitionswissenschaften an der Universität Bremen bereitet eine Probandin auf die Tests im MRT vor. Foto: Christian Beneker
Dr. Thorsten Fehr vom Zentrum für Kognitionswissenschaften an der Universität Bremen bereitet eine Probandin auf die Tests im MRT vor. Foto: Christian Beneker

Der Bremer Hirnforscher Thorsten Fehr guckt Menschen ins Oberstübchen, während sie unmögliche Aufgaben lösen.

Im Gehirn des Menschen sind die Nervenzellen so unvorstellbar reich miteinander verknüpft, dass man nicht für jede einzelne mentale Funktion ein bestimmtes Hirnareal finden werde, sagt Privatdozent Dr. Thorsten Fehr vom Zentrum für Kognitionswissenschaften an der Universität Bremen. Deshalb erklärt er nach jedem seiner Vorträge gerne: "Gedanken lesen? Das können wir nicht."
Trotzdem faszinieren die Leistungen, zu denen das Gehirn im Stande ist: Auf welchen Wochentag fiel Weihnachten des Jahres 1009? Und was ergibt 17 hoch 18? Rüdiger Gamm, ein Zahlen-Genie, denkt kurz nach und sagt dann: "Vierzehntrilliardendreiundsechzig trillionenvierundachtzigbilliarden einhundertzweiundfünfzigbillionen siebenundsechzigmilliardensiebenhundertvierundzwanzigmillionenneunhundert einundneunzigtausendundneun." Tja.

Solche Wunder hat Gamm beim SWR-Fernsehen und bei anderen Gelegenheiten staunenden Zuschauern präsentiert. Menschen wie er sind "Inselbegabte" oder "Savants". Ob Gamms Lösung stimmt, interessiert den Bremer Hirnforscher Fehr allerdings erst in zweiter Linie. Er will vielmehr erfahren, wie Menschen derart verblüffende Leistungen zustande bringen. "Wir wissen, dass kognitive Leistungen dadurch entstehen, dass verschachtelte Zellverbände im Gehirn sich für jede neue Aufgabe neu organisieren", sagt Fehr. Aber was genau tut sich im Gehirn, während es in Sekundenschnelle gewaltige Rechenleistungen vollbringt?

Fehr hat Gamm und auch den amerikanischen Savant George Widener nach Bremen eingeladen und ihre Gehirne nach allen Regeln der Kunst "in der Röhre" durchleuchtet, während die beiden Savants rechneten. Mit dem Kernspintomografen (MRT) wurde dabei erfasst, wohin beim Rechnen das sauerstoffreiche Blut im Gehirn floss. Wie die vielen Teile eines Puzzles trug Fehr die vielen Messergebnisse zusammen. Unter anderem kann er nun sagen: je komplizierter die Aufgabe, umso individueller der Lösungsweg, den das Gehirn wählt.

Mathematik und Gewalt

Kopf auf! Das MRT ermöglicht - wie hier in Dr. Thorsten Fehrs MRT-Labor - differenzierte Einblick in das Innenleben des Gehirns und gibt so wichtige Hinweise auf kognitive Funktionen. Foto: Christian Beneker
Kopf auf! Das MRT ermöglicht - wie hier in Dr. Thorsten Fehrs MRT-Labor - differenzierte Einblick in das Innenleben des Gehirns und gibt so wichtige Hinweise auf kognitive Funktionen. Foto: Christian Beneker

Thorsten Fehrs Erkenntnisse haben auch auf einem ganz anderen Gebiet Schlagzeilen gemacht: in der Diskussion darüber, ob sogenannte Computer-Killerspiele die Spieler aggressiver oder gar zu Gewalttätern machen. Fehrs Forschungen zeigen: So wenig sich voraussagen lässt, welche Hirnregionen eines Menschen beim Rechnen aktiviert werden, so wenig lässt es sich prognostizieren, ob PC-Killerspiele aus einem Spieler einen Mörder machen. "Wir haben bei Testpersonen andere Muster der Hirnaktivierung bei nachgestellten realen Gewaltszenen gefunden als bei Szenen aus Computer-Killerspielen", sagt Fehr.

Mehr unter www.neuropsychologie.uni-bremen.de

2.700 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Zentrum für Kognitionswissenschaften

PD Dr. Thorsten Fehr

E-Mail: fehr[at]uni-bremen.de

Erstellungsdatum: 25.11.2011