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Schiffbaugeschichte im Internet

Für die Digitalisierung von Schiffbauplänen ist im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven ein Spezialscanner erforderlich. Er arbeitet so exakt, dass die gewonnenen Dateien weitgehend dem Original entsprechen. Foto: Alexander Cordes
Für die Digitalisierung von Schiffbauplänen ist im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven ein Spezialscanner erforderlich. Er arbeitet so exakt, dass die gewonnenen Dateien weitgehend dem Original entsprechen. Foto: Alexander Cordes

Schiffe bieten Raum für jede Art von Ladung. Zugleich helfen sie, neue Räume zu erreichen. Wegen dieser Doppelfunktion nimmt das Deutsche Schiffahrtsmuseum nun an einem buchstäblich raumgreifenden Projekt teil – und stellt technische Zeichnungen ins Internet.

Das blaue Blatt Papier hat die Ausmaße einer halben Tischtennisplatte. Dennoch sind die weißen Linien und Schriftzeichen darauf so filigran, dass es fast einer Lupe bedarf, um sie zu lesen. Und auf Basis dieses Zeichenwerkes soll ein ganzes Schiff entstanden sein? Ist es, und zwar vor fast 90 Jahren. Die Blaupause gehört zum Generalplan des 1924 gebauten Frachtmotorschiffes "Vulcan" und wird schon bald im Internet zu bewundern sein. Es ist einer von 5.000 Schiffbauplänen aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven, die in einem Forschungsprojekt der Leibniz-Gemeinschaft erfasst und digitalisiert werden.

Wenn der DSM-Historiker Klaus-Peter Kiedel und sein Kollege Alexander Cordes Schiffbaupläne wie die der "Vulcan" betrachten, geraten sie leicht ins Schwärmen. "Schau mal, der Zeichner hat sich sogar die Mühe gemacht, das Blatt mit einem Schmuckrand zu versehen", weist Kiedel Cordes auf eine Besonderheit hin, die es im heutigen Computer-Zeitalter nicht mehr gibt. Obwohl die technischen Zeichnungen für Dampfer, Kreuzer und Segler faszinierende historische Dokumente sind, konnten die beiden Wissenschaftler ihre Begeisterung bislang nur mit wenigen Forschern und noch weniger Laien teilen. Der Grund: Die sorgsam gehegten und gepflegten Blätter - insgesamt 20 000 Stück - liegen wohlverwahrt im Archiv des Deutschen Schiffahrtsmuseums.

Forschungsmuseum von nationaler Bedeutung

Bald im Internet abrufbar: Die Blaupause zum Generalplan des 1924 entstandenen Frachtmotorschiffes Vulcan ist einer von 5.000 Schiffbauplänen aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven, die zur Zeit digitalisiert werden. Foto: Deutsches Schiffahrtsmuseum
Bald im Internet abrufbar: Die Blaupause zum Generalplan des 1924 entstandenen Frachtmotorschiffes "Vulcan" ist einer von 5.000 Schiffbauplänen aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven, die zur Zeit digitalisiert werden. Foto: Deutsches Schiffahrtsmuseum

Sowohl das Archiv als auch das gesamte Schifffahrtsmuseum sind aber mehr als eine bloße Sammlung von wertvollen Zeugnissen der Schifffahrt in Deutschland seit der Vor- und Frühzeit. 1975 wurde das DSM offiziell vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel eröffnet. Ursprünglich war es als lokale maritime Sammlung gedacht, doch ihr Goldstück – die im Original erhaltene Hanse-Kogge aus dem 14. Jahrhundert – trug dem Museum schnell nationale Bedeutung ein. Es ist eines von acht in der Leibniz-Gemeinschaft zusammen-geschlossenen nationalen Forschungsmuseen und der Erkundung der deutschen Schifffahrtsgeschichte gewidmet.

Bei seiner Eröffnung galt das DSM als eines der modernsten maritimen Museen weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Mit seiner außergewöhnlichen Schausammlung markierte es zugleich das Ende jener Zeiten, in denen vornehmlich Historiker tief in alten Dokumenten versanken und die Öffentlichkeit allenfalls in langatmigen Druckwerken an ihrer Arbeit teilhaben ließen. Jetzt bricht ein neues Zeitalter der Wissensvermittlung an – die Historiker gehen ins Internet. Die 5.000 Pläne, die das DSM scannen und ins Netz stellen lässt, dürften jeden begeistern, der auch nur ein bisschen Gespür für die Faszination von Technik hat.

"Die Pläne werden so gut wiedergegeben, dass man jedes Detail heraus zoomen kann", verspricht Kiedel. Die ausgewählten Zeichnungen sollen einen Querschnitt vermitteln, einen Eindruck von der Vielfalt im Schiffbau ermöglichen. Sie zeigen Arbeits- und Konstruktions-weisen in verschiedenen technischen Epochen und umfassen sowohl Generalpläne als auch Detailzeichnungen. Und sie erlauben dem Betrachter, selbst auf Entdeckungsreise in die Schifffahrtsgeschichte zu gehen. "Anhand der Kabinenaufteilung und -größen kann man beispielsweise die Unterschiede erkennen zwischen den Passagierkabinen der 1. Klasse und den weniger komfortableren der unteren Klassen, aber auch die strikte Trennung zwischen dem Logis für die Seeleute und dem für das Maschinenpersonal ablesen", beschreibt Kiedel ein Beispiel.

Das Projekt "DigiPEER" (Digitalisierung großformatiger Pläne zur Erfassung und Erschließung des Raums) ist ein Gemeinschaftsvorhaben des Deutschen Museums in München, des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum, des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner sowie des DSM. Schon allein die technisch aufwendige Erfassung der Zeichnungen stellte sich als Herausforderung dar: "Die Pläne dürfen beim Scannen nicht beschädigt werden und müssen in der Wiedergabe so originalgetreu wie möglich sein", sagt Kiedel. Letztlich fand sich ein Spezialunternehmen, das nicht nur über das entsprechende Know-how sondern auch über Scanner in der erforderlichen Größe verfügt.

Bei der Vorbereitung des Projekts stellte sich aber vor allem heraus: Es ist zwar ein nahe liegendes Thema, sich mit der technischen Erschließung von Räumen zu beschäftigen – tatsächlich hat dies aber noch niemand wirklich getan. Das Schiff als Raum und zugleich als Verbindung zwischen Räumen ist ja nur ein Beispiel für die Vielfalt des Themas: Der Bergbau schafft neue Räume unter der Erde, die Stadtplanung ordnet den Raum in der Kommune und der Raketenbau ist der Schritt in den Weltraum.

"Über die Digitalisierung der Pläne hinaus wollen wir mit dem Projekt eine prototypische Erfassung von technischen Zeichnungen entwickeln, an der sich künftig ähnliche Projekte orientieren können", sagt Kiedel. Selbst Kleinigkeiten können dabei entscheidend sein: "Bislang hat jede Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft die Informationen über die archivierten Bestände nach eigenen Systematiken gesammelt. Mit DigiPEER haben wir erstmals gemeinsame Standards dafür geschaffen."

Umfassender Umbau geplant

Ende des Jahres soll das Vorhaben abgeschlossen sein. Dann sind die Schiffbaupläne im Internet zu bewundern. Der virtuelle Museumsbesuch kann dann auch ein Ausgleich dafür sein, dass im Deutschen Schiffahrtsmuseum in den kommenden Jahren immer wieder Baustellen zu sehen sein werden. Das einst moderne Museum ist in die Jahre gekommen. Damit es in der maritimen Museumslandschaft künftig wieder ein Leuchtturm wird, haben der Bund und das Land Bremen 42 Millionen Euro für eine umfassende Modernisierung der Sammlung und des Gebäudes bereitgestellt. Die Planungen dafür laufen auf Hochtouren. Ein neues Schaumagazin, mehr Informationsmöglichkeiten sowie eine Ausstellung, die über technische Bezüge hinaus auch stärker die gesellschaftliche Relevanz der Themen betont: All dies sind Eckpfeiler des neuen Konzeptes. Bereits 2016 soll das Ergebnis sichtbar werden und neue Besucher in das dann wieder moderne Museum locken.

Mehr unter www.dsm.museum

6.337 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Deutsches Schiffahrtsmuseum

Klaus-Peter Kiedel
Projekt DigiPEER

E-Mail: Kiedel[at]dsm.museum

Deutsches Schiffahrtsmuseum

Dr. Ursula Warnke
Modernisierungsvorhaben

E-Mail: Warnke[at]dsm.museum

Erstellungsdatum: 19.01.2012