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Kurzfassung: "Ich bin doch auch noch da!"

Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide leitet in Bremen seit 30 Jahren eine bundesweit einzigartige Beratungsstelle für Geschwister von behinderten Kindern. Foto: Thomas Joppig
Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide leitet in Bremen seit 30 Jahren eine bundesweit einzigartige Beratungsstelle für Geschwister von behinderten Kindern. Foto: Thomas Joppig

Geschwister von behinderten Kindern haben es oft nicht leicht: Vieles dreht sich im Alltag nur um den Bruder oder die Schwester. In Bremen und Umgebung gibt es deshalb seit 30 Jahren besondere Angebote für Geschwister behinderter Kinder.

Ihre blaue Mappe hütet Mieke wie einen Schatz. Hier kommt alles hinein, was die Neunjährige in ihrer Geschwistergruppe gesammelt, gemalt und gebastelt hat. Auf einer Karte hat Mieke ihre Familie gemalt. Ihre Mutter Sabine, ihren Vater Andreas und ihren kleinen Bruder. Tammo heißt er und ist drei Jahre alt. Als Sabine Richter* mit ihm schwanger war, war lange Zeit nicht klar, ob er überhaupt lebend zur Welt kommen würde.

Tammo hat Trisomie 21 – auch Down-Syndrom genannt. Er kann schlecht hören und sehen, trägt ein spezielles Hörimplantat und eine Brille. Das Laufenlernen fällt ihm schwer. Wenn er es eilig hat, legt er sich auf eine große Holzbiene auf Rädern, stößt sich mit den Füßen ab und rollt mit glucksendem Lachen durch die Wohnung.

"Er ist richtig schnell", sagt Mieke und klingt stolz. Sie mag ihren kleinen Bruder – aber manchmal ist sie auch von ihm genervt. "Dann will ich einfach nur noch alleine sein", erzählt sie. Denn Tammo braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit. Wie alle kleinen Geschwister. Aber er benötigt davon besonders viel.

Auf dem Familienbild, das Mieke gezeichnet hat, steht sie selbst in der Mitte. Und manchmal wünscht sie sich, dass das auch im echten Leben so wäre. Ihre Eltern wissen das und bemühen sich, dass ihre Tochter nicht zu kurz kommt. "Aber unsere Gedanken kreisen eben doch oft um Tammo", sagt Mutter Sabine.

Sabine und Andreas Richter engagieren sich zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Trisomie 21. Doch für Geschwister von behinderten Kindern sind solche Angebote rar. In Bremen und im benachbarten Lilienthal ist das anders. Hier organisiert die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide seit 30 Jahren Gruppenangebote. Träger sind seit einigen Jahren die Lebenshilfe Bremen e.V. und der Bremer Verein „Stimme“. Finanziert wird die Arbeit mithilfe privater Spenden. Vor sieben Jahren hat die Lebenshilfe Bremen die bundesweit erste und bisher einmalige Beratungsstelle für Geschwisterkinder eingerichtet, die Marlies Winkelheide seither leitet.

Neben ihrer Bürotür hängt eine rote Lampe. Wenn sie leuchtet, sind Störungen tabu. "Für viele Geschwister von behinderten Kindern ist es ganz wichtig, einfach mal ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen", weiß die 63-Jährige. Auf den Faltblättern, in denen sich die Beratungsstelle vorstellt, steht deshalb ein Satz, der dieses Bedürfnis deutlich macht: "Ich bin doch auch noch da!"

Karten mit Tierbildern und aufmunternden Sprüchen, Selbstgebasteltes und Selbstgemaltes: Die neunjährige Mieke hütet die Mitbringsel aus ihrer Geschwistergruppe wie einen Schatz. Foto: Thomas Joppig
Karten mit Tierbildern und aufmunternden Sprüchen, Selbstgebasteltes und Selbstgemaltes: Die neunjährige Mieke hütet die Mitbringsel aus ihrer Geschwistergruppe wie einen Schatz. Foto: Thomas Joppig

Das erste Gespräch führt sie stets mit dem Kind allein – ohne die Eltern. Dabei kommen die unterschiedlichsten Themen zur Sprache. Manche Kinder entwickelten Schuldgefühle, weil es sie störe, dass sich alles um das behinderte Geschwisterkind drehe. Auch die eigene Überlegenheit kann Kinder emotional belasten: "Einmal sagte ein Mädchen zu mir: ‚Ich lerne so viele Dinge, die meine große Schwester nie lernen wird’." Andere Kinder spüren einen unterschwelligen Druck, sich dem langsameren Tempo des behinderten Geschwisterkindes anzupassen. "Ein Junge bekam deswegen Probleme in der Grundschule", erzählt Marlies Winkelheide. "Ich soll immer langsam sein – und jetzt lerne ich auch langsam", habe er zu ihr gesagt.

Eines verspricht Marlies Winkelheide dem Kind gleich zu Beginn der Beratung: "Alles bleibt unter uns – es sei denn, du willst, dass deine Eltern es erfahren." Das schafft Vertrauen. Und am Ende wollen die Kinder meist doch, dass die Eltern wissen, was sie belastet.

Marlies Winkelheide hat mehrere Bücher über das oft komplexe Verhältnis von Kindern und behinderten Geschwistern geschrieben und gibt bundesweit Seminare. Die individuelle Beratung könne Kindern helfen, sich über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar zu werden, sagt Marlies Winkelheide. "Dennoch bleibt es immer eine besondere Lebenssituation, wenn man eine behinderte Schwester oder einen behinderten Bruder hat." Der Austausch mit anderen Geschwistern, die in einer ähnlichen Situation sind, sei deshalb hilfreich.

In den Geschwistergruppen gibt es dazu Gelegenheit. Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 16 Jahren sind dabei. Begleitet werden sie von einem Team freier Mitarbeiter, die die Treffen und Aktivitäten organisieren. Dass den Kindern der Austausch hilft, merken die Pädagogen immer wieder.
Auch Mieke findet, dass sie sich verändert hat, seit sie in die Geschwistergruppe geht. "Ich trau mich jetzt öfter, mal was zu sagen, wenn mir was nicht passt", erzählt die Neunjährige. Ihre Mutter kann das bestätigen. Neulich habe Mieke einen Satz ganz selbstbewusst mit den Worten "Mama, ich möchte, dass du weißt ..." begonnen, erinnert sich Sabine Richter. "Diese Entschlossenheit hat mich beeindruckt."

*Namen geändert.

Mehr unter www.lebenshilfe-bremen.de, www.geschwisterkinder.de

4.868 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Beratungsstelle Geschwisterkinder Lebenshilfe Bremen

Marlies Winkelheide

E-Mail: geschwisterkinder[at]lebenshilfe-bremen.de

Erstellungsdatum: 21.02.2012