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Die Riesen kommen

Bauingenieur Michael Neumaier hat das Konzept der Errichterschiffe von RWE Innogy für den Bau von Offshore-Windparks entworfen. Es steckt jede Menge Herzblut darin, sagt der 44-Jährige. Foto: Wolfgang Heumer
Bauingenieur Michael Neumaier hat das Konzept der Errichterschiffe von RWE Innogy für den Bau von Offshore-Windparks entworfen. "Es steckt jede Menge Herzblut darin", sagt der 44-Jährige. Foto: Wolfgang Heumer

Drei Spezialfrachter betätigen sich ab Sommer 2012 als Lastesel der Energiewende: Sie bringen von Bremerhaven aus Windkraftanlagen zu den Offshore-Windparks weit draußen in der Nordsee und stellen sie dort auf.

Bis in die 1960er-Jahre standen "Viktoria Matthias" und "Friedrich Ernestine" buchstäblich für die Steinzeit der Energieerzeugung. Denn die beiden Bergwerke dieses Namens gehörten zu den größten Kohlegruben des Ruhrgebiets. Jetzt werden Viktoria und Friedrich zum Sinnbild für saubere Energie ohne klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen. Der Stromerzeuger RWE Innogy hat seine beiden sogenannten Errichterschiffe für den Bau der geplanten Offshore-Windparks nach jenen Zechen benannt, die die Energietradition des RWE-Konzerns einst begründeten.

Nomen est omen: "Innovation" heißt das dritte Schiff dieses Typs, das derzeit von der ebenfalls aus Essen stammenden Hochtief AG gebaut wird. Neben dem symbolträchtigen Namen haben die drei schwimmenden Arbeitsplattformen der Windindustrie noch eines gemeinsam: Ihr Heimathafen wird Bremerhaven sein.

Schön oder gar elegant ist etwas Anderes. "Viktoria Matthias", "Friedrich Ernestine" und die "Innovation" sind einfach nur Lastesel der Energiewende. 100 Meter lang sind die RWE-Plattformen, 150 Meter misst das Hochtief-Schiff. Alle drei haben ein großes und freies Deck, ein schmales und hohes Deckshaus und davor einen gewaltigen Kran, der 100 bzw. 150 Meter hoch aufragt und bis zu 1.500 Tonnen tragen kann.

Fast 100 Meter lange Beine

Buchstäblich herausragendes Merkmal sind jedoch die stämmigen Beine; 75 Meter lang sind sie bei den RWE-Schiffen, diejenigen der "Innovation" reichen sogar 96 Meter in den Himmel. Mit ihrer Hilfe sollen sich die Plattformen fest am Meeresboden verankern können, wenn sie die gewaltigen Windräder weit draußen in der Nordsee in 35 bis 40 Metern Wassertiefe aufstellen.

Dass die drei Errichterschiffe jenen "Werkzeugen" ähneln, die bei der Ölförderung und im Hafenbau eingesetzt werden, ist kein Zufall. Denn auch für Windanlagen werden Bauteile von gigantischer Größe und entsprechendem Gewicht bewegt. Das wird beispielsweise bei einer Rundfahrt durch den Bremerhavener Fischereihafen deutlich, wo beim Anlagenhersteller Repower bereits die ersten Gondeln der Windturbinen für den geplanten RWE-Windpark "Nordsee Ost" stehen. Die Gehäuse sind fast so groß wie ein Wochenendhaus und wahre Schwergewichte: "Jedes dieser Gehäuse wiegt rund 320 Tonnen", sagt Norbert Giese, der bei Repower für den Bereich Offshore Development zuständig ist: "Das sind acht große Lkw, die wir mitten auf hoher See auf einen Riesenturm stellen müssen." Hinzukommen die rund 120 Meter hohen Türme, die Gondeln und Rotoren tragen, sowie die rund 700 Tonnen schweren Stahlfundamente, auf denen die Gesamtkonstruktion ruht.

Gut 20 Jahre nach dem Bau der ersten großen Windenergieanlagen an Land wagt die Windbranche in diesem Sommer den Sprung ins kalte Nordsee-Wasser. Technologisch gesehen bewegen sich die Ingenieure der am Bau beteiligten Firmen vor diesem Sprung auf Neuland: "Bislang gibt es nur ganz wenige Anlagen, die bei Wassertiefen um 35 bis 40 Meter aufgestellt worden sind", sagt Martin Rahtge, Chef des in Hamburg ansässigen Bereichs für "Civil Engineering und Marine Work" im Baukonzern Hochtief AG. Die Tiefe an sich ist nicht das Problem: "Vielmehr sind es die ständig wechselnden Kräfte, die durch den Wind, die Meeresströmungen und die Eigenbewegungen auf die Anlagen wirken", erläutert der Wasserbau-Ingenieur, der schon an Großprojekten wie dem Bremerhavener Containerterminal und dem Emssperrwerk federführend mitgewirkt hat.

Vor allem aber bewegt die Techniker, wie die sperrigen und schweren Segmente der Windmühlen hinaus auf die hohe See kommen. An die Antwort haben sich die Experten von RWE-Innogy behutsam herangetastet: "Wir haben uns Schritt für Schritt vom küstennahen Arbeiten über immer tieferes Wasser auf die jetzt vor uns liegenden Arbeiten vorbereitet", sagt der künftige Innogy-Chef, Dr. Hans Bünting. 2003 sammelten die Essener ihre ersten Erfahrungen beim Bau eines kleinen Windparks in sieben Metern Wassertiefe, dann folgten Projekte in 20 Meter tiefem Wasser; jetzt fühlt sich RWE fit für bis zu 30 Meter Wassertiefe. Es gibt zwar auch schon Projektskizzen für Vorhaben im 50 Meter tiefen Wasser der "Dogger Bank": "Aber konkret planen wir dort erst, wenn wir wissen, wie es geht", sagt Bünting.

Das auf erneuerbare Energien ausgerichtete Tochterunternehmen des Essener Energiekonzerns RWE bereitet sich gerade auf den Bau des Windparks "Nordsee Ost" vor, der den Auftakt zur groß angelegten Offshore-Offensive bilden soll. RWE Innogy wird den ersten großen kommerziellen Windpark aber nicht nur betreiben, sondern auch errichten.

Spezialwerkzeuge erforderlich

So wird der Einsatz der Viktoria Matthias auf hoher See aussehen: Mit den 80 Meter hohen Beinen kann sich die Arbeitsplattform in bis zu 40 Meter tiefem Wasser fest verankern. Grafik: RWE Innogy
So wird der Einsatz der "Viktoria Matthias" auf hoher See aussehen: Mit den 80 Meter hohen Beinen kann sich die Arbeitsplattform in bis zu 40 Meter tiefem Wasser fest verankern. Grafik: RWE Innogy

Für Hans Kahle, Geschäftsführer der RWE Offshore Logistics Company, ist der Bau von "Nordsee Ost" deshalb bereits seit einem Jahr das beherrschende Thema. Nach der Planungs- und Genehmigungsphase geht es für ihn jetzt um die logistischen Details: "Wir brauchen jede Menge Spezialwerkzeuge wie beispielsweise die gut 200 Tonnen schwere 'Pfahlführung' zum Anfassen und Aufstellen der Gründungselemente." Aber nicht nur jedes einzelne Bauteil der Windenergieanlagen benötigt ein eigenes spezielles Montage-Tool: "Jeder einzelne Standplatz, jede Baustelle für eine Windturbine ist anders und stellt andere Anforderungen."

Als derzeit einziger Windparkbetreiber hat sich RWE Innogy entschieden, zwei eigene jeweils rund 100 Millionen Euro teure Errichterschiffe zu bauen. "Wir halten bewusst die gesamte Kette von der Entwicklung der Parks über den Bau bis zum späteren Betrieb in unserer Hand", sagt Bünting – so wollen die Essener sicherstellen, alle Risiken im Griff zu haben. Auch der Baukonzern Hochtief will künftig in das Gesamtgeschäft einsteigen – zumindest bis zum schlüsselfertigen Bau und dem anschließenden Service. Vorerst agiert die maritime Tochter des Konzerns aber erst als Dienstleister für andere Parkplaner. Die 200 Millionen Euro teure "Innovation" ist das erste von insgesamt vier Errichterschiffen, die Hochtief plant.

Sowohl RWE Innogy als auch Hochtief haben sich für Bremerhaven als Startpunkt ihrer Offshore-Aktivitäten entschieden. Der Hafenstandort an der Unterweser hat sich nicht nur als Produktionsstätte für die größten Anlagenhersteller wie Repower und Areva Wind etabliert, sondern auch als Dreh- und Angelpunkt für die Zusammenführung aller Komponenten der Riesenanlagen. RWE Innogy hat einen Teil des Containerterminals I am Südende der Stromkaje gepachtet – in den kommenden zwei Jahren soll dort die Logistik für den Aufbau von "Nordsee Ost" beheimatet sein. Anschließend könnte der geplante Offshore-Terminal an der Weser vor dem Fischereihafen fertig gestellt sein, hoffen die Planer. Hochtief nutzt für die Vormontage und das Verschiffen die sogenannte ABC-Halbinsel gegenüber der neuen Kaiserschleuse.

"Für das Lagern und das Verladen der sperrigen Bauteile braucht man viel Platz", erläutert Repowers Offshore-Experte Norbert Giese. Zudem muss die Basisstation für die Bauarbeiten verkehrsgünstig gelegen sein – nicht nur, um die einzelnen Teile auf möglichst kurzem Weg zum künftigen Standort zu bekommen: "Einzelne Komponenten können aus unterschiedlichen Produktionsorten kommen und müssen mit möglichst wenig Aufwand zusammengeführt werden", erläutert Giese.

Die 61 Meter langen Rotorblätter werden zum Teil in Dänemark gefertigt. Die Turmsegmente entstehen unter anderem in Bremen, aber auch in Cuxhaven. Die Gondeln und Naben werden im Fischereihafen gebaut – für Bremerhaven als Schnittpunkt all dieser Aktivitäten und Zulieferungen spricht außerdem "die große logistische Erfahrung, die hier am Standort vorhanden ist", betont Giese.

Schiffe so breit wie die Weser

Auf dem Terminalgelände werden die einzelnen Teile vorgefertigt und dann mit den Errichterschiffen zur Baustelle auf hoher See gebracht. Schon heute tüfteln die Experten im Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) aus, wie die Transporte auf der Weser abgewickelt werden können. Denn mit drei Rotoren an Bord überspannen die Schiffe mit einer Breite von 160 Metern das gesamte Weserfahrwasser. "Wir müssen also exakt eine Lücke im Schiffsverkehr abpassen", erläutert WSA-Leiter Werner Kinkartz. Möglicherweise könnten die Installationsschiffe im Schatten der Containerriesen wie "Emma Maersk" fahren, bei deren Passage muss das Weserfahrwasser ohnehin für den übrigen Verkehr gesperrt werden.

Ganz nebenbei bekommt Bremerhaven mit seiner Drehscheibenfunktion für die Offshore-Industrie noch eine neue touristische Attraktion. Das Geschehen auf den Montageplätzen an der Stromkaje und auf der ABC-Halbinsel wird sich vom Containeraussichtsturm bestens beobachten lassen. Und alle drei Tage wird dann eines der drei Spezialschiffe in Richtung Nordsee aufbrechen. "Das wird schon ein beeindruckender Anblick sein", ist Hans Bünting überzeugt. Und ein historischer Moment. Denn mit jeder Abfahrt liefern "Viktoria Matthias" und "Friedrich Ernestine" einen weiteren Baustein für eine saubere Energiezukunft.

Mehr unter www.rwe.de, www.hochtief.de

9.084 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

RWE Innogy GmbH

Konrad Böcker

E-Mail: Konrad.boecker[at]rwe.com

Hochtief AG

Dr. Bernd Pütter

E-Mail: Bernd.puetter[at]hochtief.de

Erstellungsdatum: 21.02.2012