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Tabuthema Tod in Halle 4

Annäherung an ein tabuisiertes Thema: Jugendliche sprechen im Rahmen eines Workshops bei der Messe Leben und Tod über das Sterben. Foto: Messe Bremen/Jan Rathke
Annäherung an ein tabuisiertes Thema: Jugendliche sprechen im Rahmen eines Workshops bei der Messe "Leben und Tod" über das Sterben. Foto: Messe Bremen/Jan Rathke

Die Bremer Messe veranstaltet seit drei Jahren die Messe "Leben und Tod" – und trifft den Nerv des Publikums.

Er habe keine Angst vor dem Sterben, unkte der Regisseur Woody Allen einmal, "ich will bloß nicht dabei sein, wenn es passiert." So oder so ähnlich dürfte es vielen gehen. Die Bremer Messe-Macher dagegen wollen das Thema Tod und Sterben tiefer ins Blickfeld der Lebenden rücken. Damit betraten sie vor drei Jahren Neuland, nirgends in Deutschland wird seither Ähnliches geboten. In diesem Jahr findet die "Leben und Tod" bereits zum dritten Mal statt, und zwar am 10. und 11. Mai.

Die Ausstellung beleuchtet eine ausgesprochen große und lebendige Branche: Bestatter, Hospize, Selbsthilfegruppen Trauernder, Palliativgruppen, Bildhauer, Kirchen, Therapeuten, Musiker oder Sterbebegeleiter. Auf der "Leben und Tod" treten sie aus dem Schatten der gesellschaftlichen Verunsicherung, der Verdrängung und des Verschweigens ins Scheinwerferlicht der Ausstellungshalle 4 des Bremer Messezentrums. "Wir spannen mit unseren Ausstellern den ganzen Bogen von der Pflege über die Hospize bis hin zum Sterben, zu den Bestattern und schließlich zur Trauer und Trauerbegleitung", sagt Meike Wengler, Initiatorin und Organisatorin der Messe.

Viele Besucher für das Thema

Der Mut der Initiatoren ist wohl erstaunlicher als der Erfolg. Denn seitdem sie zum ersten Mal ausgerichtet wurde, zieht die Veranstaltung immer mehr Menschen an. "Im ersten Jahr kamen rund 2.000 Besucher, im zweiten waren es schon 3.150", sagt Meike Wengler. Noch wenig für eine Messe, meint Wengler, aber viel für das Thema. Und: Die kommen, wollen oft gar nicht wieder weg.

So machte eine Gruppe Konfirmanden mit ihrer Betreuerin im vergangenen Jahr eine Art Rallye über die Messe, um sich dem heiklen Thema Tod zu nähern – inklusive Probeliegen im Sarg. "Am Schluss konnten sich die Jugendlichen gar nicht mehr trennen von der Messe, so interessant fanden sie die Ausstellung", sagt Wengler. Auch direkt betroffene Menschen kommen auf die "Leben und Tod". "An unserem ersten Ausstellungstag 2010 kam eine Frau, die gerade erst ihren Mann verloren hatte, um sich über die Angebote zur Trauerbewältigung zu informieren." Kaum eine Messe dürfte so nah an den Bedürfnissen der Besucher sein wie die Bremer "Leben und Tod".

Indessen: Ein Publikumsmagnet, wie die Bremer Classic Motor Show mit 40.000 Besuchern in sieben Hallen, wird die "Leben und Tod" niemals werden, das ist den Organisatoren klar. Särge und Urnen, Erinnerungsdiamanten oder hölzerne Handschmeichler mit tröstenden Texten darauf, Kerzen und Sargschmuck, aber auch Klangmassagen, Vorträge und Diskussionen über Sterbehilfe sind und werden keine Blockbuster in der Messelandschaft. Viel Geld verdienen werde man mit der Messe nicht, ahnt Wengler. "Aber wir merken, dass wir einen Nerv getroffen haben, und wir erleben bei Ausstellern und Gästen einen starken Sog. Die Messe ist ein Erfolg."

Sterbehilfe und Trauerkitsch, Bestattung zwischen Pomp und Entsorgung – gibt es eigentlich moralische Grenzen für die Messe-Macher und Grenzen des guten Geschmacks? Es dürfte doch nicht jeden trösten, den Sarg eines Angehörigen selber bemalen oder seine Asche zu einem Diamanten gepresst als Schmuck um den Hals tragen können. "Ja, es gibt Grenzen", sagt Wengler, "deshalb haben wir einen Beirat berufen, in dem unter anderem auch die Kirchen und Hospiz-Landesverbände vertreten sind." Allerdings musste bisher noch kein Aussteller zurückgewiesen werden. "Der Beirat bestimmt die Grenze. Und wenn wir auf der Messe zum Beispiel über die Sterbehilfe diskutieren, dann muss das objektiv geschehen und es muss sich im Rahmen des bei uns Erlaubten bewegen", erklärt die Projektleiterin.

Nachdenken über Trauer am Arbeitsplatz

Auch dies ein Teil der Bremer Messe Leben und Tod: Meisterliche Handwerkskunst in Aktion – hier in Form von filigraner Urnenmalerei. Foto: Messe Bremen/Jan Rathke
Auch dies ein Teil der Bremer Messe "Leben und Tod": Meisterliche Handwerkskunst in Aktion – hier in Form von filigraner Urnenmalerei. Foto: Messe Bremen/Jan Rathke

Begleitet wird die Messe von dem Fachkongress zu den Schwerpunktthemen "Palliative Care, Spiritual Care, Sterbebegleitung, Trauerforschung". An beiden Tagen wird auf dem Messeforum öffentlich diskutiert. Die Themen reichen von "Stationen der Sterbebegleitung" über "Leistungsdruck, Burnout und Depression am Beispiel Profifußball" bis hin zu "Strategien für die Nutzung von Friedhofsüberhangflächen". Auf dem Management-Symposium diskutieren die Teilnehmer über "Trauer am Arbeitsplatz." In zwei Räumen des Messezentrums können die Besucher Vorträge hören oder an Workshops teilnehmen. Da geht es ebenso um Organtransplantation, die Kommunikation mit Schwerkranken wie die Bestattung von Obdachlosen. Die Veranstaltungen sind außerordentlich populär. Als im vergangenen Jahr die ehemalige Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann zum Thema sprach, waren mehr als 700 Besucher gekommen.

Besonders beeindruckt ist Wengler von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Palliativ- und Hospizdienste. Sie machen ihre Arbeit naturgemäß nicht in der Öffentlichkeit und haben auf der Messe die seltene Gelegenheit, ihre Arbeit einem breiteren Publikum vorzustellen. "Das hat bei vielen Besuchern und auch bei mir tiefen Eindruck hinterlassen, wie sich viele Menschen in der Hospizarbeit engagieren", sagt Wengler, "davor ziehe ich wirklich meinen Hut."
Ganz bewusst haben die Initiatoren die Messe nicht „Sterben und Tod“, sondern "Leben und Tod" genannt. "Wenn ich mir meiner Endlichkeit bewusst werde, bekomme ich automatisch einen anderen Blick auf den Alltag des Lebens", sagt Wengler. Diese Absicht der Messe wird auch durch eine besondere Aktion für die Besucher unterstrichen: Wer sich auf der Messe von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrieren lässt, zahlt keinen Eintritt.

Mehr unter www.leben-und-tod.de

5.563 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Messe Bremen

Meike Wengler

E-Mail: wengler[at]messe-bremen.de

Erstellungsdatum: 20.03.2012