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Die Frau im Kaltlichtspiegel

Bremerin mit viel Humor: Kathrin Fricke, bei ihren Fans besser bekannt als Coldmirror. Foto: Jörg Sarbach
Bremerin mit viel Humor: Kathrin Fricke, bei ihren Fans besser bekannt als "Coldmirror". Foto: Jörg Sarbach

Wenn Jugendliche versuchen, alle Kleidungsstücke aus ihrem Schrank übereinander anziehen, oder aus der inoffiziellen amerikanischen Hymne "America the beautiful" das Strichfrauchen Erica wird, dann steckt eine Bremer Video-Künstlerin dahinter: Coldmirror.

Per YouTube-Bildschirm sieht man direkt in ein WG-Zimmer, im Regal im Hintergrund stehen Wasserflaschen vor Büchern, man erahnt Zeichnungen an der Wand. Eine junge Frau mit langem, dunklen Haar sieht direkt in die Kamera, sodass man sich fragt, wer hier eigentlich wem ins Zimmer guckt. Winkend begrüßt sie die Zuschauer mit den Worten: "Hoooooiiii! Ich bin Kaddi und zeige euch heute im you fm-Gamecheck das Spiel 'Lego-Harry Potter. Die Jahre eins bis vier'." Dabei rollt sie die weit aufgerissenen, dunkel umrahmten Augen und hebt und senkt ihre Stimme, als wäre sie auf einer Achterbahnfahrt.

Was jetzt folgt, ist eine abwechslungsreiche, zweiminütige Besprechung eines Computerspiels. Kaddi, mit bürgerlichem Namen Kathrin Fricke, zeigt verschiedene Szenen, beschreibt, wie das Spiel funktioniert, und vergleicht es mit anderen Spielen, um es schließlich zu bewerten: "Dafür bekommt es von mir eine zu 95 Prozent ausgezogene Radio-Antenne!" Also ein "Sehr gut". Für einen solchen Gamecheck hat Kathrin Fricke das jeweilige Spiel mindestens eine Woche lang gespielt, erzählt sie. Die Auswahl reicht dabei von Spielen, die für Kinder gemacht sind, bis hin zu solchen, die erst ab 18 Jahren geeignet sind. Der eigentliche Dreh für den Gamecheck, den ihre Fans später in der Fernsehsendung „Coldmirror“ sehen können, "dauert nur ungefähr 30 Minuten. Wenn ich mich verhaspele, lasse ich die Kamera weiterlaufen und schneide das später zusammen", sagt sie. Das Ergebnis ist ein gut zweiminütiges Filmchen.

Die 27-Jährige ist Bremerin und hat ihr Studium der Kunstwissenschaft an der Universität Bremen so gut wie abgeschlossen. Als "Coldmirror" betreibt sie schon seit rund sechs Jahren einen Kanal auf der Internet-Plattform "YouTube", auf dem sie selbst produzierte Videos zeigt. Damit wurde sie der Internet-Gemeinde bekannt, und zwar im großen Stil: Heute hat die junge Frau mit der petrolfarbenen Strähne in ihrem schwarzen Haar 330.000 Abonnenten.

Vom Internetstar zu Radio und Fernsehen

Das gleiche Setting: Wieder Kaddi vor der Kamera in ihrem WG-Zimmer, bekleidet mit mehreren Pullovern, Jacken, Mützen und Kappen: "Zieh alle Klamotten aus Deinem Kleiderschrank auf einmal an", fordert sie ihre Zuschauer zum "Netmob Challenge" auf. Der hieß auch schon einmal "Iss eine Banane, ohne deine Hände zu benutzen" oder "Stapele möglichst viele CDs auf deinem Kopf". Und ihre Fans folgen treu diesen Anweisungen, lassen sich beim Kampf mit der Banane oder mit den vom Kopf stürzenden CD-Stapeln filmen, schicken ihre Videos ein und freuen sich, wenn sie im Internet oder in der nächsten Sendung zu sehen sind. Denn vor bald zwei Jahren hat der Hessische Rundfunk Kathrin Fricke für seinen Jugendsender "you fm" entdeckt und auf dem ARD-Sender "Eins Festival" läuft einmal im Monat ihre viertelstündige Fernsehsendung "Coldmirror". Jetzt produziert sie ihren unterhaltsamen Unsinn auf "Hochglanztrash-Niveau", wie sie schmunzelnd formuliert. Und Unsinn ist durchaus ihre Sache: Ihr geht es vor allem darum, Menschen zum Lachen zu bringen. Denn sie ist überzeugt: "Lachen tut gut."

Einem breiteren Publikum wurde Coldmirror bei der Frauenfußball-WM 2011 bekannt. Da sah man auf dem Fernsehschirm die Zeichnung einer Gruppe Strichmännchen mit Bechern in der Hand. Dazu singt eine Frauenstimme "Oh, Bude voll…" Während die Musik weiter läuft und die Frauenstimme "…voll spät, tschüss Guys!" singt, winken sich drei Strichfiguren zu. Ein paar Zeichnungen weiter würgt eine Figur mit Zopf und im Fußballtrikot einen Schiedsrichter. Ein Pfeil benennt sie als "Erica". Ein zweites Strichfrauchen daneben fragt "Ähhm, Erica?" Zwei Stimmen aus dem Off singen voller Pathos "Ähhm, Erica, ähhm Erica…"

Unsinn? Nein, hier ist die inoffizielle Nationalhymne der USA "America the beautiful" zu hören, vorsätzlich missverstanden und illustriert von Coldmirror. So wurde aus den Zeilen dieses patriotischen Musikstücks "Oh beautiful, for spacious skies … America, America." der absichtlich falsch verstandene Text. Was in diesem knapp zweiminütigen "Misheard lyrics"-Video so leichtfüßig daher kommt, hat zwei Tage Arbeit gebraucht. "Ich sitze dann den ganzen Tag in meinem WG-Zimmer davor und höre das Lied immer und immer wieder", erklärt Fricke. Zum Schutz ihrer WG-Mitbewohner und um die Wörter in ihren Nuancen möglichst genau falsch zu verstehen, setzt sie sich Kopfhörer auf. Wenn sie dem vorgegebenen Lied ihren eigenen, neuen deutschen Text verpasst hat, zeichnet sie die passenden Bilder dazu.

"Die Idee stammt ja nicht von mir. Wir haben doch alle schon mal Liedtexte falsch verstanden und trotzdem voller Überzeugung laut mitgesungen", sagt sie. Neu seien ihre Zeichnungen dazu. Und neu war für sie vor zwei Jahren die Erfahrung, für das Fernsehen zu arbeiten: "Ich habe noch nie so viel unter Zeitdruck gearbeitet und hätte das vermutlich nicht länger durchgehalten als für die sieben Stücke zur Fußball-WM", erinnert sie sich. "Es war aber auch cool zu merken, dass ich richtig arbeiten kann", ergänzt sie und grinst verschmitzt.

Die Frau im Kaltlichtspiegel

Wurde mit ihren amüsanten selbst produzierten Videos auf der Internet-Plattform YouTube bekannt: Kathrin Fricke, alias Coldmirror. Foto: Jörg Sarbach
Wurde mit ihren amüsanten selbst produzierten Videos auf der Internet-Plattform "YouTube" bekannt: Kathrin Fricke, alias "Coldmirror". Foto: Jörg Sarbach

Wer im Internet nach "Kathrin Fricke" oder "Coldmirror" sucht, stößt auf die erwähnten Videos. In einem Eintrag bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia erfährt man, dass sie den Namen "Coldmirror" – übersetzt "Kaltlichtspiegel" – einem Black-Metal-Lied entlehnt hat. Aber auch sehr Persönliches ist zu lesen, über die Scheidung ihrer Eltern und den Tod ihrer Schwester. Sie sagt, es störe sie nicht, dass diese Dinge im Internet zu erfahren sind, "es ist ja alles richtig."

Vielmehr sieht Kathrin sich in der Rolle eines Vorbildes. Sie will ihren jugendlichen Fans Mut machen, wenn sie sich schlecht fühlen. Die Teenies erfahren, dass ihr Star selbst früher das Gefühl hatte, nichts wert zu sein, und sogar über Suizid nachdachte. Und sie können lesen, dass Kathrin Fricke mit ihrem Talent – "lustig zu sein" – heute erfolgreich ist. Sie will die Jugendlichen ermutigen, "sich nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen", auch wenn sie hören, dass man mit ihren Ideen kein Geld verdienen könne. "Folge deinem Herzen und geh zur Not kellnern, das habe ich auch gemacht", sagt die Video-Künstlerin, klingt dabei ein wenig pathetisch, meint es aber ernst.

Die junge Frau, die durch ihre schrägen, überdrehten Videos und Spielekritiken berühmt wurde, ist in der Realität alles andere als cool und überdreht. So erzählt sie von einer E-Mail, die ihr vor einigen Jahren ein Mädchen schrieb. Dieses Mädchen litt unter einer schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankung. Als sie Videos von Kathrin Fricke gesehen hat, musste sie so lachen, dass sie ihre Schmerzen wenigstens für kurze Zeit vergessen konnte. "Bei der E-Mail fing mein Herz an zu leuchten", sagt Fricke: "Dann habe ich doch was richtig gemacht".

Deutscher Radiopreis 2011

Mancher mag die Produktionen von "Coldmirror" und ihrem Team beim Hessischen Rundfunk für Unfug halten – Kathrin Fricke und "you fm" wurden mit ihnen als "Beste Innovation" für den Deutschen Radiopreis 2011 nominiert. Die so Geehrte bildet sich wenig darauf ein: "Mein Antrieb ist ja nicht, einen Preis zu gewinnen, sondern etwas zu machen, was gut ist." Als sie bei der Gala doch nicht als Preisträgerin aufgerufen wurde, war ihre Enttäuschung dann auch nicht allzu groß. "Die Preisverleihung war ungefähr so wie ein 60. Geburtstag. Am schlimmsten war für mich, dass ich mich in Abendgarderobe stecken musste. Ich hatte extra ein Kleid dafür bestellt, aber das passte nicht", sagt die Sweatshirt- und Jeans-Trägerin.

Noch arbeitet Fricke fürs Jugendradio, aber: "Normalerweise ist beim Jugendradio mit 27 Schluss. Und ich bin 27." Feste Pläne hat sie nicht, aber vorstellen kann sie sich für ihre berufliche Zukunft einiges: vielleicht Drehbücher zu schreiben, mehr hinter als vor der Kamera tätig zu sein, gerne auch als Synchronsprecherin zu arbeiten. "Ich habe sogar schon einen kleinen Part in dem Disney-Animationsfilm 'Cars 2' gehabt!", erzählt sie, lacht über sich selbst und wirkt gleichzeitig ein wenig stolz.

Mehr unter www.you-fm.de/index.jsp?rubrik=61041

8.270 Zeichen; Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt:

you fm

Carolin Oppermann

E-Mail: coppermann[at]hr-online.de

Erstellungsdatum: 16.04.2012