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Strom aus der Wüste, Know-how von der Weser

An der Bremer Jacobs University werden ab Spätsommer 2013 Ingenieure speziell für das Desertec-Projekt ausgebildet. Foto: Jacobs University
An der Bremer Jacobs University werden ab Spätsommer 2013 Ingenieure speziell für das Desertec-Projekt ausgebildet. Foto: Jacobs University

Solarstrom aus der sonnenreichen Wüste Nordafrikas – und ausgerechnet Bremen mit seinem berühmten "Schietwetter" ist bei der Entwicklung ganz vorne mit dabei.

Wirklich gute Ideen haben bekanntlich auf einem Bierdeckel Platz. Eine dieser Ideen heißt: "Desertec - Strom aus der Wüste". In Zukunft sollen Solarkraftwerke in Nordafrika den Strom für Europa gewinnen, so der Plan der Desertec-Stiftung, der Initiatorin des Projekts. Daneben haben sich in der Desert Industrial Initiative (DII) Schwergewichte der Deutschen Industrie versammelt. Sie planen Solarkraftwerke in Marokko, Tunesien, Ägypten und Algerien.

So naheliegend – so einfach. Aber: Wie immer, steckt der Teufel im Detail. Das weiß niemand besser als die Bremer Politologin Karen Smith Stegen und der Ingenieur Werner Bergholz von der Jacobs University Bremen. Die Bremer Privat-Uni erforscht als einzige europäische Universität die politischen und technischen Bedingungen, um das Mammut-Projekt in die Wüsten der Maghreb-Staaten Nordafrikas zu stellen. Damit sind die Bremer Forscher an einem weltweit zukunftsweisenden Projekt maßgeblich beteiligt. "Die Jacobs University ist die erste und bisher einzige europäische Universität, die neben rund 20 Unis aus Nordafrika und dem Nahen Osten bei der Gründung des DESERTEC University Network 2010 in Tunesien anwesend war", erklärt Smith Stegen, die in den Beirat des Projekts gewählt wurde. Im Spätsommer 2013 will die Uni nun einen eigenen Studiengang einrichten, um Ingenieure speziell für das Desertec-Projekt auszubilden.

Die Vision

"Die Wüsten der Erde empfangen in sechs Stunden mehr Energie von der Sonne als die Menschheit in einem Jahr verbraucht", heißt es auf der Homepage von Desertec. Der grüne Strom soll zunächst den nordafrikanischen Länder dienen. Aber durch spezielle Kabel könnte er ab 2020 auch nach Norden fließen. "Bis 2050 könnten 15 Prozent des Europäischen Strombedarfs aus den Wüsten gedeckt werden", sagt Professorin Smith Stegen. Kosten des Projekts: 400 Milliarden Euro.

Bis es auf die Beine kommt, sind noch einige große Hürden zu nehmen. Eine heißt: "NIMBY". Das englische Kürzel steht für "Not In My Backyard", also "Nicht in meinem Hinterhof". Damit ist die Haltung vieler Menschen gemeint, die Atommeiler, Windräder oder Pipelines weder vor der Haustür noch im Garten haben wollen. "NIMBY spielt auch für die Kabel des Wüstenstroms ein große Rolle", sagt Smith Stegen. Denn was nützt die Stromernte, wenn die Bevölkerung von Nordafrika oder Spanien sich gegen die mächtigen Überlandleitungen wehrt?

Smith Stegens Lösung: "Wir sollten von vornherein mit den Anwohnern sprechen." Die aus den USA stammende Professorin hat auch die Terrorismus-Gefahr für die technischen Anlagen von Desertec erforscht. "Wir haben die Kriterien der US-amerikanischen Heimatschutzbehörde genutzt, um die Anschlagsgefahr auf Desertec abzuschätzen", so Smith Stegen. Es bestehe keine solche Gefahr, so das Ergebnis. "Denn Terroristen wollen mit ihren Aktionen viele Menschen töten und symbolische Ziele treffen. Aber sie wollen ihren Unterstützern nicht schaden. Aber wer Stromleitungen angreift, legt ein ganzes Stromnetz lahm und schadet damit den potenziellen Unterstützern sehr. Und symbolisch ist ein Stromkabel auch nicht."

Nachwuchs-Know-how nötig

Die Bremer Professorin Karen Smith Stegen engagiert sich in der Weiterentwicklung des DESERTEC University Network, dem die Jacobs University als eine der ersten Europäischen Universitäten beitrat. Foto: Jacobs University
Die Bremer Professorin Karen Smith Stegen engagiert sich in der Weiterentwicklung des DESERTEC University Network, dem die Jacobs University als eine der ersten Europäischen Universitäten beitrat. Foto: Jacobs University

Neben den geopolitischen Fragen setzt die Jacobs University auch auf flexibles technisches Know-how. Werner Bergholz, Professor of Electrical Engineering mit zwei Jahrzehnten Berufserfahrung in der Industrie, sagt: "Wir brauchen für das Desertec-Projekt Ingenieure, die nicht nur ihr eigentliches Fach Elektrotechnik, speziell Technologien für erneuerbare Energien, beherrschen, sondern auch das Qualitätsmanagement von Konstruktion, Bau und Betrieb von Anlagen und weitere Querschnittskompetenzen, wie ein Grundverständnis der betriebwirtschaftlichen, volkswirtschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte der erneuerbaren Energien." Dazu müssen die Fachleute die Gesamtarchitektur von Energie-Systemen kennen. "Die Kunst ist es, zum Beispiel während des laufenden Betriebs die Stromproduktion einer Anlage ständig zugleich in Menge und Qualität zu erhöhen - und dabei immer preiswerter zu werden", sagt Bergholz. Der neue Studiengang solle solches Wissen so praxisnah wie möglich vermitteln – und sei damit nach der Konzeption derzeit noch einzigartig.

Dass nicht nur Desertec solche Fachingenieure braucht, davon ist Bergholz überzeugt. "Wenn die Produktion aus den Industrieländern in die Schwellenländer Asiens auswandert, liegt das nicht nur an den geringeren Löhnen in Indien oder China. Es liegt auch daran, dass wir bei uns viel zu wenig entsprechend ausgebildete Ingenieure haben. Leider sind viele Hochschulabgänger nicht in der Lage, ihre Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. Das wollen wir ändern."

Die Jacobs University denkt bei dem neuen Studiengang vor allem an Studenten aus den Staaten, in denen die Solaranlagen stehen sollen. Die nordafrikanischen Länder wollen ja die Arbeitsplätze für den Aufbau und die Produktion der Anlagen im Land behalten. "Mit ihrem Wissen können unsere Studenten dann vor Ort eingesetzt werden", sagt Bergholz. Klappt alles, beginnen die ersten Studierenden im Spätsommer 2013. Allerdings: Die Finanzierung des Studiengangs ist noch nicht gesichert. Bergholz: "Wir brauchen noch Stipendien, die 28.000 Euro pro Jahr und Student aufbringen."

Mehr unter www.desertec.org/de

5.400 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Peter Wiegand

Pressesprecher der Jacobs-Universität

E-Mail: p.wiegand[at]jacobs-university.de

Erstellungsdatum: 25.07.2012