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Expedition in kaum erforschte Welten

Der Countdown läuft: Im Dock der Bremerhavener Lloyd Werft wird die Polarstern auf ihre bisher längste Reise in die Antarktis vorbereitet. Foto: Wolfgang Heumer
Der Countdown läuft: Im Dock der Bremerhavener Lloyd Werft wird die "Polarstern" auf ihre bisher längste Reise in die Antarktis vorbereitet. Foto: Wolfgang Heumer

Der Forschungseisbrecher "Polarstern" startet am 27. Oktober zu einer seiner längsten Fahrten überhaupt – in ein Revier, in dem in den 100 Jahren seit der Eroberung des Südpols nur ganz wenige Forscher um diese Zeit gearbeitet haben.

Professor Dr. Peter Lemke hat relativ klare Vorstellungen von den Witterungsverhältnissen, die er demnächst erleben wird. Eiskalt wird es sein, Schneestürme wird es geben, einige Wochen lang besteht keine Aussicht auf Sonnenlicht. "Und wenn wir Pech haben, donnert alle drei Tage ein schwerer Sturm oder ein Orkan über uns hinweg", sagt der Leiter des Fachbereiches Klimawissenschaften am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Zur Beruhigung: Lemke wird sich nicht in Mitteleuropa aufhalten. Sondern an einem Ort, wo nur selten jemand ist und nur wenige freiwillig und mit so viel Begeisterung hin wollen wie der Bremerhavener Physiker. Wenn hierzulande der Sommer beginnt, wird Lemke an Bord des Forschungseisbrechers "Polarstern" auf der anderen Seite der Erde im atlantischen Sektor der Antarktis sein. Dort herrscht dann Polarnacht mit den beschriebenen Extremverhältnissen. Dass sich der international renommierte Meereis- und Klimawissenschaftler dennoch so sehr auf diese Reise freut, hat einen Grund: "Es ist eine der ganz seltenen Gelegenheiten, um diese Jahreszeit in dieser Gegend zu forschen."

Ob für Biologen, Chemiker, Geowissenschaftler, Meteorologen oder Physiker: Das Weddellmeer im Winter gehört zu den letzten weißen Flecken auf dem Blauen Planeten. "Es gibt nur ganz wenige Schiffe, die sich in den Breiten um die Jahreszeit überhaupt aufhalten können", sagt Lemke. Das Flaggschiff des AWI, die "Polarstern", gehört dazu. Obwohl der Eisbrecher mittlerweile 30 Jahre alt ist, gilt er als die weltweit leistungsfähigste Forschungsplattform für die Arbeit auf den polaren Ozeanen.

Gerüstet für extreme Verhältnisse

Prof. Dr. Peter Lemke gilt als einer der renommiertesten Klimaforscher weltweit. Er leitet den entscheidenden Fahrtabschnitt der nächsten Polarstern-Expedition. Foto: Wolfgang Heumer
Prof. Dr. Peter Lemke gilt als einer der renommiertesten Klimaforscher weltweit. Er leitet den entscheidenden Fahrtabschnitt der nächsten "Polarstern"-Expedition. Foto: Wolfgang Heumer

Nicht nur, weil die „Polarstern“ auch mit extremen Eisverhältnissen klar kommt und selbst bei schwerem Seegang mit meterhohen Wellen den Wissenschaftlern akzeptable Arbeitsbedingungen bietet: "Schon beim Entwurf ist darauf geachtet worden, dass das Schiff gezielt mit wissenschaftlichen Geräten für die aktuelle Expedition ausgerüstet werden kann und verschiedene wissenschaftliche Disziplinen parallel an Bord arbeiten können", sagt Dr. Uwe Nixdorf, Leiter des Bereiches Logistik und Arbeitsplattformen am AWI. Genau diese Vielseitigkeit braucht Lemke nun, der als Fahrtleiter einen der beiden Expeditionsabschnitte im Weddellmeer verantwortet: "Gerade weil man so selten dorthin kommt, wollen wir möglichst viele Daten für alle Disziplinen sammeln."

Lediglich vier Mal ist die "Polarstern" in den vergangenen drei Jahrzehnten während des südpolaren Winters in der Region gewesen. "Wir versuchen, unsere Kapazität so zu nutzen, dass beide Polargebiete der Erde gleichermaßen erforscht werden können", erläutert Nixdorf. Deswegen hält sich das Schiff normalerweise nur während der jeweiligen Sommermonate in den Polregionen auf. Dass die Arktisforscher dieses Mal für die 19-monatige und damit längste Expedition in den Süden zurückstecken müssen, hat einen wichtigen Grund: die Erforschung des Klimawandels. "Wir wissen bislang nur sehr wenig über das, was sich in den Wintermonaten in der Region tut", sagt Lemke.

Während die Überwinterung in der Neumayer-Station am Rand des nordöstlichen Weddell-Meeres seit 25 Jahren zum Standard der deutschen Polarforschung zählt, kennen die Wissenschaftler das Geschehen auf dem Wasser überwiegend nur aus der Satellitenperspektive. In jüngster Zeit beobachten sie dabei gravierende Veränderungen, für die sie eine Erklärung suchen: Während die sommerliche Meereisbedeckung in der Arktis seit Jahren dramatisch abnimmt, dehnt sich das Meereis rund um den eisigen Kontinent im Süden zur selben Zeit langsam weiter aus. "Aus den Satellitenaufnahmen können wir aber nicht ermitteln, ob nur die Fläche oder auch die Eismasse insgesamt zunimmt", sagt Professor Lemke.

Auslöser für ein überwiegendes Flächenwachstum könnte das Ozonloch über der Antarktis sein. Durch eine Abkühlung in der Stratosphäre kommt es zu stärkeren Westwinden, die das Eis weiter nach Norden treiben. Wenn es tatsächlich so ist, könnte dies eine dramatische Entwicklung verschleiern: "Unter Umständen nimmt auch im Süden die Menge an Meereis ab, ohne dass wir dies bislang bemerken konnten", so Lemke.

Blick auf und unter das Eis

Die 55 Wissenschaftler an Bord der "Polarstern" blicken aber nicht nur auf das Eis, sondern auch darunter. Einer der weiteren Schwerpunkte des sogenannten Winterexperimentes ist es, möglichst viele Informationen über die meeresbiologischen Verhältnisse in der Region während der Wintermonate zu sammeln. Kaum jemand hatte bislang Gelegenheit, im antarktischen Winter unter das Meereis zu blicken und dort Proben zu sammeln. Bislang ist es deswegen beispielsweise kaum erforscht, wie Plankton, Algen und Krill im und unter dem Eis die extremen Winterverhältnisse überstehen und wie sie im beginnenden Frühjahr wieder aus dem "Winterschlaf" erwachen.

Der Vielzahl der geplanten Experimente und Probeentnahmen entsprechend, muss die "Polarstern" nun bis in den letzten Winkel mit Material und Ausrüstung gefüllt werden. "Vieles aus den Laborausrüstungen können wir zwar zwischen den einzelnen Fahrtabschnitten im argentinischen Punta Arenas oder im südafrikanischen Kapstadt an Bord nehmen", meint Nixdorf, "aber Großgeräte und bestimmte Chemikalien müssen jetzt schon verstaut werden."

Entsprechend herrscht am Liegeplatz der "Polarstern" auf der Bremerhavener Lloyd Werft derzeit angespannte Betriebsamkeit. Während Werftarbeiter letzte Hand an das Schiff legen, beladen Mitarbeiter der Hamburger Reederei Laeisz das Schiff mit allem, was für eine Seereise zum anderen Ende der Welt erforderlich ist. Zugleich rollt Lkw für Lkw jedes Gerät an, das die Wissenschaftler an Bord benötigen.

Jeder Handgriff muss sitzen, nichts darf vergessen werden – was fehlt oder kaputt geht, kann jetzt nicht mehr ersetzt werden. Dennoch wirkt der Cheflogistiker zumindest nach außen ausgesprochen entspannt: "Das ist ja jetzt nur noch der Endspurt. Die wichtigsten Vorbereitungen haben wir schon vor Monaten abgeschlossen", sagt Nixdorf. Die Expedition der "Polarstern" ist ein minutiös geplantes Unternehmen. Dazu zählt auch, dass alle Länder, deren Gewässer oder Häfen das Schiff in den nächsten 19 Monaten ansteuert, detailliert über alles informiert sind, was sich an Bord befindet. Das entsprechende Notifikationsverfahren läuft über das Auswärtige Amt und Nixdorf legt großen Wert darauf, alle Anforderungen frühzeitig, vollständig und korrekt zu erfüllen. Mit gutem Grund: "Wir legen auf gute Beziehungen zum Auswärtigen Amt und zu den jeweiligen Ländern großen Wert", betont Nixdorf. "Bei einer so komplexen und nicht ganz ungefährlichen Expedition können immer Situationen eintreten, in denen wir auf diese guten Beziehungen angewiesen sein können", fügt er hinzu.

Ohnehin ist bei allen Fahrten der "Polarstern" nichts dem Zufall überlassen. Weltweit bewerben sich Wissenschaftler, um die schwimmende Forschungsplattform zu nutzen. In einem mehrjährigen Antrags- und Bewertungsverfahren wird dann von einem Expertengremium entschieden, wer mit welchem Thema einen der wenigen Plätze an Bord bekommt. "Für uns Logistiker ist das sehr hilfreich, weil wir schon lange vorher wissen, mit welchen Anforderungen wir es zu tun haben", so Nixdorf.

Die Kunst besteht dann darin, die Reise insgesamt, die jeweiligen Fahrtabschnitte und den Ablauf jedes einzelnen Experimentes so zu planen, dass möglichst viele Forschungsvorhaben gleichzeitig realisiert werden können. Diese Vielfalt und das Miteinander von Wissenschaftlern höchst unterschiedlicher Disziplinen ist auch der Grund, warum sich Peter Lemke nach vier Forschungsreisen in die Arktis und drei Expeditionen in die Antarktis so besonders auf die harte Winterfahrt freut: "Durch dieses enge Miteinander von höchst unterschiedlichen Wissenschaftlern und Disziplinen gewinnt man hier einen so tiefen Einblick in Zusammenhänge der Polar- und Klimaforschung wie nirgendwo sonst."

Mehr unter www.awi.de

8.191 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Dr. Folke Mehrtens
Pressereferentin

E-Mail: folke.mehrtens[at]awi.de

Erstellungsdatum: 23.10.2012